7. November

Freitag sind wir spaet ins Bett gegangen und dennoch schrecke ich 7.15 Uhr hoch. Vielleicht ist es endlich soweit? Ein schneller Blick aufs Telefon. 253, unveraendert. Das kann doch nicht wahr sein. Ich doese noch etwas, lese Facebook, loesche die NY Times newsletter – es ist doch zum Maeuse melken…

8.30 Uhr: Wir trudeln alle in der Kueche ein, setzen Wasser auf. Ich ueberrrede Toni, ihr grosses Eierkuchen und Spiegelei Fruehstueck Sonntag einzunehmen. Denn heute ist Reittag. Wie an den meisten Samstagen fahren wir zusammen mit unserer Familienbubble auf eine Ranch 30 Minuten entfernt von Berkeley. Peter gibt den Kindern dort Reitstunden. Es ist jedes Mal ein Miniurlaub ohne Telefonnetz. Dafuer mit vielen gebuertigen Mexikanern, tanzenden, auf Hochglanz polierten Pferden, Pfauen, 2 riesigen, kinderlieben Hunden, einem faul herumliegenden Schwein. Mit Eseln, Zebra, Bullen und abgestellten Treckern, auf denen Pauli und Theo ihre Autofantasien ausleben. Ein kleines Paradies.

8.55 Uhr: Ich habe eine Textnachricht. Von meiner Nachbarin im Gruppenchat unserer Strasse. Nur ein Bild: MSNBC deklariert Biden zum Gewinner der Wahl. Ich will juchzen, aber checke vorsichtshalber erstmal die anderen Zeitungen. CNN, NY Times, ABC News, ja, alle sind sich einig. Dann stimmt es! Wir tanzen und schreien herum. Ich texte: Ich oeffne den Champagner und bin in 3 Minuten vor der Tuer.

9.00 Uhr: Wir treffen uns auf der Strasse. 3 Frauen, 3 Kinder. Es gibt Sekt und Kindersekt in Glaesern. Wir sind so erleichtert, dass wir erstmal gar nicht richtig ausrasten koennen. Langsam sickert es ein. Trump muss gehen. Die Angst vor weiteren 4 Jahren Wahnsinn darf weichen.

9.05 Uhr: Eine andere Nachbarin kommt mit ihrem kleinen Sohn dazu. Wir stossen an, sagen immer wieder: Ich bin so erleichtert!!!! Mehr faellt uns erstmal nicht ein.

9.10 Uhr: Wir schicken Toni los, Nachbarn rausklingeln. Die Pappnasen schlafen wahrscheinlich noch. Nach und nach stecken sie ihre Koepfe durch die Tuer (der schoenste Schlafanzug war ein quergestreifter Zweiteiler eines Papas) und rennen dann raus. Unsere Erleichterung schlaegt in Freude und Jubel um.

9.20 Uhr: Allen Gassigehern und Joggern rufen wir zu und verteilen Sekt. Anne schaltet Musik an, einige tanzen. Unsere aelteren Nachbarn stehen auf ihrer Veranda und winken gluecklich.

9.30 Uhr: Lautes Geschaepper. Studenten rennen und tanzen unsere angrenzende Strasse entlang und schlagen mit Holzkellen auf Toepfe. Autos hupen. Wer jetzt noch schlaeft, hat sich am Abend vorher mit Schlafmitteln beruhigen muessen.

9.40 Uhr: Ein aelteres Ehepaar kommt vorbei, haelt an, steosst mit uns an. Sie wuenschen sich „Heho, the witch is dead“. Wird glatt erfuellt.

9.50 Uhr: Ich frage Toni, ob wir noch reiten gehen wollen. Sie bejaht und wir muessen also mal fruehstuecken. Nicht, bevor wir mit den Nachbarn ausgemacht haben, am Abend Bidens und Kamalas Reden auf unserer Garagentuer gemeinsam zu gucken.

10.20 Uhr: Wir fahren los. Jedes Mal, wenn wir einen Spaziergaenger sehen, hupe ich: dadadadaaaaaaaadada. Wir haben kein Schild und trotzdem weiss jeder, was gemeint ist. Toni haengt sich aus dem Fenster und jubelt dazu. Eine Stadt im Freudentaumel.

10.30 Uhr: Auf der Autobahn. Wir reden darueber, dass sich heute nicht alle Menschen ueber das Wahlergebnis freuen. Dass fast die Haelfte der Waehler fuer Trump gestimmt hat und nun entsprechend traurig ist. Dass es gut sein kann, dass auf der Ranch nicht alle zufrieden sind heute. Dass es voellig in Ordnung ist, sich trotzdem zu freuen. Aber, dass wir Trump nicht beschimpfen und auch sonst keine Schadenfreude zeigen. (Ein Wort, das es auch Englisch nicht gibt.)

10.50 Uhr: Ankunft, Toni darf gleich reiten, es ist herrlich, wie immer.

12.00 Uhr: Alfredo, der Chef begruesst uns. Wir reden ein bisschen und kommen dann auf die Wahl zu sprechen. Und dann fuehren wir den Tanz auf, den man hier macht, wenn nicht klar ist, wofuer der andere ist. Wir einigen uns, dass es vor allem gut ist, nun eine Entscheidung zu haben, wie anstrengend das Warten war. Dann erzaehlt Alfredo, dass viele Suedamerikaner fuer Trump seien. „Er ist natuerlich dumm, aber einige seiner Ideen waren gut. Vor allem die Steuersenkungen.“ Ich frage nach, will mehr darueber wissen. Doch da lenkt Alfredo ein. „Das Beste an dem Ergebnis ist Kamala.“ (Ich nicke in wilder Zustimmung.) „So viele Menschen koennen sich mit ihr identifizieren. Sie koennte wirklich was veraendern.“

16.00: Eine Freundin postet ein Bild von ihrer Pilgertour zum Haus, in dem Kamala Harris hier in Berkeley aufgewachsen ist. Die Idee hatten anscheinend viele. „Wir sind Vize-Praesident“. Liebevoll wir hier von „Tante Kamala“ gesprochen.

16.30 Uhr: Wir treffen uns draussen mit Nachbarn zum Aufbau unseres Freilichtkinos. Einer bringt den Projektor, jemand anderes einen Klapptisch, ich das Verlaengerungskabel und Stuehle.

17.04 Uhr: Puenktlich geht die Sonne unter, so langsam koennen wir die Bilder auf der „Leinwand“ erkennen. Die 5 Kinder legen sich auf den Boden, die Erwachsenen sitzen und stehen mit Wein in der Hand. Es herrscht eine Vorfreude wie zu Weihnachten.

17.30 Uhr: Endlich, Kamala betritt die Buehne. Sie spricht und mir rollen Traenen die Wange herunter. Vor allem, weil Toni neben mir sitzt und immer wieder sagt: „Wow, die ist gut. Die kann so toll reden. Und es stimmt alles. Keine Luegen.“ Und ich denke, wie ironisch es ist, dass 2020 eine Frau so weit kommt in der amerikanischen Politik. In dem Jahr, in dem die Beschaeftigungsrate von Frauen in den USA auf den Stand der fruehen 1980er gefallen ist. Weil Frauen zuerst gekuendigt werden. Weil Frauen selbstverstaendlich wegen der Kinder zu Hause bleiben, wenn alle Schulen geschlossen sind.

17.50 Uhr: Biden joggt auf die Buehne. Er sieht erstaunlich fit aus nach vermutlich zahlreichen schlaflosen Wochen. Und es tut so gut, eine versoehnliche, besonnene und in sich logische Rede zu hoeren. Es ist Balsam fuer meine Seele.

18.00: Zur Feier der Tages hat Peter Fleisch- und Apfelstrudel gebacken. Wir schmausen gemeinsam. Was fuer ein Glueck, dass wir unsere Bubble haben!

19.30 Uhr: Ab nach Hause, ab ins Bett. Ploetzlich bin ich hundemuede. Es ist eine ueber Wochen angestaute Erschoepfung, die sich Bahn bricht.

21.00: Ich schlafe noch vor den Kinder ein und selig bis 7.30 Uhr am naechsten Morgen. Denn 8.00 muss ich nach Fremont zu meiner Gemeinde fahren zum open-air Gottesdienst. Der Spuk ist zwar noch nicht vorbei. Aber das Ende ist in Sicht.

Nach dem Gottesdienst erzaehlen mir viele Gemeindeglieder, wie gut sie letzte Nacht geschlafen haetten. Wie energetisiert sie ploetzlich seien. Die unproduktivste Woche des Jahres 2020 hat ein Ende! Let’s roll.

5. November

8 Uhr: KEINE Veraenderung. Oh Mann, wofuer schlaf ich denn 8 Stunden? Ein neuer Tag des Wartens beginnt.

9.10 Uhr: Gegen die Unruhe hab ich gestern mit Morgensport angefangen. 20 Minuten im Garten waehrend die Kinder Zoom meeting haben. Heute tut mir alles weh, ich kann weder laufen noch sitzen. Aber wenigstens lenkt mich das von der seelischen Belastung durch diese Wahl ab. Amerikaner essen vor Stress ganz viel, lese ich online. Und trinken zu viel. Ja. Da mach ich lieber Sport und humpel hernach rum.

10.30 Uhr: Bibelstunde mit der Gemeinde per Zoom. Wir geben uns Muehe, nicht ueber die Wahl zu reden. Schaffen es fast. So mancher hat nebenbei die Nachrichten laufen.

12.00 Uhr: In Minischritten gehen die Zahlen fuer Biden in Georgia und Pennsylvania hoch. Ich mach mir Sorgen um Nevada, Da wohnen zu viele Cowboys. Nette Leute und Hardcore Trumpwaehler.

13.00 Uhr: Ich texte meinen Nachbarn, dass der Champagner kalt gestellt ist. Sobald Biden gewinnt, sollen sie mit ihren Glaesern in unsere Einfahrt kommen. Tanzen ist erwuenscht.

18.00 Uhr: In Georgia ist nun Gleichstand!!

19.00 Uhr: Finanzkommittee tagt, wir stellen den Haushalt fuers neue Jahr auf. Ich weiss, dass mind. 1 ein echter Trumpfan ist. Entsprechend bete ich am Ende neutral fuer Geduld und das Beste fuer die Nation. Da haben wir vermutlich unterschiedliche Ideen, wie das aussehen wird.

22.30 Uhr: Heute kommt nichts Neues mehr. Ich bewundere die CNN Kommentatoren, die 24h am Tag auswerten. Gute Nacht.

4. November

7.25 Uhr: Ich hatte meinen Wecker auf 8.30 Uhr gestellt. Um Rausch und Frust auszuschlafen. 7.25 Uhr schreckte ich hoch. Stand auf, holte mein Telefon und sah die Nachrichten. Vorsichtige Hoffnung gepaart mit grosser Angst. Und die Erkenntnis, dass die Demokraten den Senat nicht mehrheitlich gewinnen. Also wieder Schach Matt Situation, selbst wenn Biden gewinnt.

8.00 Uhr: Die Kinder wachen auf. Fragen nach dem Wahlergebnis. Theo sagt: Mama, wenn Trump gewinnt, gehen wir nach Deutschland, ja? Toni aergert sich, dass sie nicht waehlen darf. Wir fruehstuecken, die Kinder gehen in ihre Zoom meetings. Und ich mache endlich, was ich mir seit Monaten vorgenommen habe: Ich geh raus in den Garten, tippe auf Youtube „workout ohne Geraete 20 Minuten“ ein und mache Sport. Nach 15 Minuten bin ich halb tot, nach 20 kann ich kaum noch stehen. Ein sicheres Zeichen, dass das hier unbedingt notwendig ist, am besten jeden Morgen. Oder wenigstens Montag bis Freitag.

Kurz bevor wir losfahren wollen ins Camp, faellt mir ein, dass ich den Kindern kein Lunch gepackt hab. Krise bei beiden. Sie duerfen sich jeweils 3 Muesliriegel einpacken. Damit sind sie beruhigt. Schnell noch Brote geschmiert (Toni selbstgebackenes Roggensauerteigbrot mit Salami, Theo „amerikanisches Brot“ = Toast mit Nutella), Bananan, Wasser, Masken, LOS!

10.20 Uhr: Kinder viel zu spaet abgegeben. Und nun schalte ich das Radio ein. Hoere, dass Trump um 9% an Zustimmung bei Latinowaehlern gewonnen hat. WAAAAS? Mit seiner ganzen Hassrede gegen Immigranten und Mexikaner und, oh Mann. Zu Hause angekommen, bleibe ich im Auto sitzen und lese. Abwechselnd CNN, NY Times, Facebook, ABS News. Ich fuehle mich manisch, getrieben, halte die Unwissenheit nicht aus. Traenen steigen mir in die Augen vor Wut, dass dies ueberhaupt ein knappes Rennen ist. Und nicht eine drastische Niederlage fuer Trump.

11.45 Uhr Biden gewinnt Wisconsin. Ich atme tief durch. Steige aus dem Auto. Kopf hoch. Die Chancen stehen gut. Biden braucht nur noch Nevada und Michigan und Arizona. Fuer die magischen 270 Stimmen.

12 Uhr: Ich versuche, mich auf Weihnachten zu konzentrieren. Auf die Planungen fuer die Adventszeit. Irgendwas schoenes. Dann koch ich Spaghetti, hilft alles nix.

12.45 Uhr: Philipp und ich essen in herrlichster Sonne im Garten. Ploetzlich hoeren wir Hupen in der ganzen Stadt. Haben wir was verpasst? Ich springe auf, checke CNN. Komischerweise seh ich da immer als erstes die Warnung, dass Grosstiere vom Aussterben bedroht sind. Hat das was mit der Wahl zu tun? Nee, nichts verpasst. Dann die Nachricht: Michigan faellt zu Biden. 253 Stimmen hat er damit. Noch 17 braucht er. Und dann spricht Biden. Wie ein Praesident, besonnen, zur Einheit aufrufend, so ganz normal. Es ist traumhaft. Nur noch Nevada und Arizona muessen nun fuer Biden gestimmt haben. Dann ist es geschafft. Ob mit oder ohne Pennsylvania. Ein Thriller ist nichts dagegen.

13.50 Uhr: Ein Freund schreibt mir, wir haetten nun die Phase der russischen Roulette begonnen. Trump will in den Swingstates, die er verloren hat, die Stimmauszaehlungen juristisch anfechten. Das irre Spiel geht weiter. Ich frage mich, wie Amerikaner diesen Nervenkitzel alle 4 Jahre seelisch und moralisch durchhalten. Es ist der politisch schlimmste Ausnahmezustand meines Lebens. Und ich verstehe erstmals wirklich, warum so viele Menschen so erschoepft sind vom Dialog mit der jeweils anderen Seite. Das Land ist so tief gespalten. So tief, dass Trump nach 4 katastrophalen Jahren mehr Zustimmung hat als zuvor (in absoluten Zahlen, weil dieses Jahr mehr Menschen gewaehlt haben).

14.30 Uhr: Ich schreibe Predigt fuer Sonntag, versuche es jedenfalls. Dies ist der emotional anstrengendste Tag sein langem.

16.30 Uhr: Beim Predigt schreiben hab ich nur alle 5 Minuten die Updates gecheckt. Ab, Kinder holen.

18 Uhr: Abendessen, wir entspannen uns kurz. Die Kinder muessen Hausaufgaben machen.

19.30 Uhr: Happy Hour meiner Gemeinde per Zoom. Thema ist Sport und Umzug. Alle geben sich Muehe, nicht ueber die Wahl zu reden. Bis wir es dann doch tun. Uns unsere Stresslevel und Schlaflosigkeit eingestehen. Eine hat sich extra heute frei genommen, um die Auszaehlungen verfolgen zu koennen. Bei allen steht der Sekt kalt. Wir sind uns einig, zur Not wird der morgens um 8 Uhr getrunken. Wann immer die erloesende Nachricht kommt. Der Krimi geht schon viel zu lange. Klar, vorher hatten uns alle gewarnt, dass es Tage dauern wuerde. Aber da wusste ich noch nicht, wie sehr das meinen Alltag bestimmen wuerde. Ich fuehl mich quasi arbeits- und denkunfaehig. Nicht schoen.

21.30 Uhr: Ich starre auf die Zahlen, unveraendert 253 zu 213. Was braucht Nevada bitte so lange. So wenige Stimmzettel koennen doch nicht so lange dauern. Philipps Theorie: Die haben zu wenig Wahlhelfer, weil da eh kaum jemand wohnt. Georgia wird langsam so eng, dass Biden ne Chance hat. Arizona scheint stabil zu sein. ZAEHLT SCHNELLER! UND GENAU! ICH KANN NICHT MEHR!

22 Uhr: Ich geh ins Bett und les noch mein neues Buch: Red State Christians. Understanding the Christians who voted for Trump. Fuer die Zukunft, wenn wir wieder miteinander reden, hoffentlich.

3. November 2020

7.45 Uhr: Endlich. Endlich ist dieser Tag da. Auf den ganz Berkeley seit 4 Jahren wartet. Und ich bin muede. Vom Umfragen lesen der letzten Wochen. Von der Politik der letzten Jahre. Von den Debatten der letzten Monate. Vom Unsinn hoeren und lesen. Von der Untergangsstimmung. Von der echten Sorge. Von der Angst um meine Freunde, die nicht ins idyllische Bild vieler Republikaner passen.

8 Uhr: Aufstehen. Kinder wecken. Fruechstueck machen. Kinder vor Zoom setzen, durch Facebook scrollen. Meine Freunde sind fertig und besorgt. Manche haben sich extra frei genommen, um den ganzen Tag in der Natur zu verbringen. Um nicht durchzudrehen. Die meisten haben schon vor Wochen gewaehlt.

9.50 Uhr Kinder ins Waldcamp fahren. Auf der Rueckfahrt Radio hoeren. Ein Reporter empfiehlt, heute Abend nicht zu viel Zeit mit ersten Zahlen zu verbringen. Sie werden kaum was aussagen. Morgen frueh koenne man ja mal in Ruhe die Nachrichten checken. Gute Idee, denke ich.

10.30 Uhr Beim Einbiegen in meine Strasse sehe ich eine Nachbarin. Ich halte kurz an, kurbele das Fenster runter. „Wie geht es dir?“, frage ich. „Ich bin so unruhig. Gerade hab ich meinen Sohn in die Krippe gebracht und danach musste ich erstmal eine Stunde spazieren und Weinen, meine Aengste loswerden.“, berichtet sie. Sie erzaehlt, sie habe viel Polizei gesehen auf ihrem Weg. Im ganzen Land ist die Polizei in Bereitschaft. Wir waehnen uns hier sicher im Falle von Ausschreitungen. Die finden normalerweise (krass, dass ich das so sagen kann, aber nach dem Sommer haben wir etwas Erfahrung damit) in San Francisco und Oakland statt.

Wir tauschen unsere alkoholischen Plaene fuer die naechsten Tage aus (Wein in Mengen, sie Rum, ich Whiskey) und ich bringe ihr ein Stueck selbstgebackenen Kuerbis-Cheesecake vorbei. Man braucht schliesslich Auswahl beim Panikessen in den naechsten Tagen.

11 Uhr: Bibelstunde mit meinen Kollegen. Das Evangelium ist die Geschichte der weisen und toerichten Jungfrauen. Na super, unpassender kann ein Text echt nicht sein. Spaltung und Gericht und Weltuntergangsstimmung pur. Das brauchen wir nun wirklich nicht noch im Gottesdienst zu hoeren. Das haben wir schon im Alltag rauf und runter. Ich werde diese Woche noch mit dem Text hadern und ihm die Gute Nachricht abringen. Vielleicht doch genau das, was ich jetzt brauche.

12 Uhr: Ich versuche, Gebete fuer Sonntag zu schreiben. Mein Kopf ist leer. Wie soll ich denn heute wissen, wie morgen oder uebermorgen dieses Land aussieht? Oder die Welt? Freunde schreiben mir aus Deutschland, fragen, wie hier die Lage ist. Ich denke, sonnig, herrlich, eigentlich. Total verrueckt, andererseits.

12.20 Uhr: Ich telefoniere mit meinem Organisten, wir besprechen die Musik fuer Sonntag. Auch er ist gestresst. Derweil arbeiten mehrere Pastoren und der Bischof meiner hiesigen Landeskirche gerade als Wahlhelfer. Ich wollte das auch, aber ohne Green Card geht das leider nicht.

13.15 Uhr: Freunde schreiben, fragen, ob wir heute Abend zusammen fernschauen. Ich lehne erst ab. Will meinem Vorsatz treu bleiben. Sie ueberzeugen mich, dass ich mir diese amerikanische Erfahrung nicht entgehen lassen darf. Inklusive Cocktails. Ich gebe nach. Ab 20 Uhr also Wahnsinn.

14 Uhr: Ich lese 15 Kommentare zu den Jungfrauen und bin noch immer wuetend auf diesen Text. Aber es hilft, Gedanken zu ordnen. Ich hab einfach den besten Beruf der Welt!

15.30 Uhr: Ein Gemeindeglied ruft mich an, sie koordiniert das Maskennaehen unserer Gemeinde. Bisher wurden knapp 4000 Masken verschenkt. Sie ist die Erste heute, die die Wahl nicht erwaehnt. Bis wir dann doch drauf zu sprechen kommen, weil eine andere sehr aktive Dame unserer Kirche Wahlhelferin ist.

16.30 Uhr: Ich fahre los, die Kinder abholen und schalte extra auf Musik um, bitte keine Nachrichten!

17.30 Uhr: Mein Gottesdienst-Team trifft sich ueber Zoom. Als ich einschalte, hoere ich den Fernseher laufen. Bitte, ausschalten! Sie schaltet ihn leise. Ich kann mich sonst nicht konzentrieren. Der Adrenalinspiegel steigt merklich. Was, wenn? Und was, wenn nicht? Werden radikale Trumpanhaenger Terror verbreiten? O Mann…

19 Uhr: Abendessen mit den Kindern.

20.45 Uhr: Kinder liegen im Bett, nun aber nichts wie rueber zu unseren Freunden. Der TV-Wahnsinn kann beginnen. Auf dem Weg lesen wir erste Nachrichten. Ich kriege Panik. Mein Adrenalinspiegel steigt. Mein Herz pocht hektisch. Trump scheint zu fuehren. Das kann doch nicht wahr sein.

20.50 Uhr: Wir sind bei Peter und Nicole angekommen. Pflaumenschnaps oder Whiskey oder Rum? Pflaumenschnaps. Richtig guter. Das hilft gegen das Herzrasen. Wir gucken NBC und ABC abwechselnd. Beide gelten als relativ mittige Sender. Zwischendurch checken wir NY Times und CNN. NY Times ist immer etwas hoffnungsvoller fuer Biden. Das brauchen wir, auch wenn es nicht sicher ist. Egal. Man haengt sich an jeden Strohhalm. Nach dem 1. Glas Schnaps will ich nur noch heulen. Also trink ich ein 2. Jetzt geht es besser. Peter lacht nur noch hysterisch. Nicole ist genauso panisch wie ich. Was, wenn? Seit Monaten reden wir Liberalen davon, dass wir die Spaltung ueberbruecken und Wunden heilen muessen. Mit Biden als Praesident. Kann ich Spaltung ueberbruecken mit Trump als Praesident? Kann ich mir gerade nicht vorstellen. Schock ueber die knappen Rennen, selbst in Staaten, die Biden gewinnt. Ca. 50% der Amerikaner haben fuer Trump gestimmt, soviel ist klar. Hoffentlich nur 48-49%. Und dennoch, fast die Haelfte der Bevoelkerung. Ich kann es nicht fassen. Obwohl ich es eigentlich haette wissen muessen.

Biden spricht. Er sieht muede aus, bleibt ruhig und besonnen und hoffnungsvoll. Alles, was wir gerade brauchen.

Jetzt kommt Trump. Er wirkt wie auf Beruhigungsmitteln. Nennt Statistiken rauf und runter. Ich kann kaum folgen. Behauptet, es sehe fantastisch aus fuer ihn. Obgleich er zu dem Zeitpunkt 8 Wahlmaenner hinter Biden liegt. Aber er wirkt entspannt. Wir wollen schon wegschalten. Er scheint gut gebrieft worden zu sein, sich im Zaum zu halten. Und dann passiert es doch. Er behauptet, die Wahl sei korrupt. Fordert, dass das Auszaehlen der Stimmzettel beendet werde sollte um Mitternacht. Und dann ernennt er sich selbst zum Sieger der Wahl. Egal, wie sie ausgeht. Alles geht so schnell, dass wir erst nicht sicher sind, ob er es wirklich gesagt hat. Hat er. Wirklich. Und Millionen Amerikaner schauen zu. Wer wird als Erstes gewalttaetig auf den Strassen?

23.30 Uhr: Wir verabschieden uns alle und gehen schlafen. Ich bin ploetzlich so muede. Biden fuehrt, schnell einschlafen, bevor sich das aendert. God bless America! Aber ein bisschen ploetzlich!

Überlebensstrategien

  1. Irgendwann wird es wieder besser. Manchmal schneller, manchmal langsamer. Und wir müssen das Schöne dann ganz schnell geniessen. Als ob’s kein Morgen gäbe. Denn vielleicht gibt es kein gutes. „Ist die Luft gut?“, ist inzwischen hier eine Standardfrage der Kinder. Bei „Ja“ flitzen sie schnell um den Block oder sitzen auf ihren Bäumen.

Bei „Nein“ waren sie anfangs ganz depressiv, viele Tränen flossen. Inzwischen nehmen sie es gelassen, spielen drinnen, puzzlen, malen, backen dann und warten einfach ab. Denn nichts dauert ewig. (Auch wenn 1 Woche rauchige Luft sich wie eine Ewigkeit anfühlt.)

2. Mach’s wie Beppo der Strassenfeger. Plan nicht zu weit voraus. Was machen wir morgen? „Wenn die Luft gut ist, dann…“ Und am Wochenende? Hmmm… vielleicht… Und Weihnachten? Weihnachten? Oh je, das ist noch soooo lange weg. Wer weiss wie die Welt dann aussieht. Zu meinem Geburtstag fragte mich eine Freundin nach meinen Plänen für das neue Lebensjahr. Ich hatte ehrlich keine Antwort. Und das ist gar nicht schlimm. Wir leben einfach von Montag (1. Blick auf den Predigttext) bis Sonntag (Predigt). Und dann wieder von vorne.

3. Ein bisschen Abstumpfung muss sein. Man gewöhnt sich an fast alles.

Masken? Gehören inzwischen zu unserem Alltag wie die Brille auf der Nase. Die Kinder tragen sie den ganzen Tag im Camp und teilweise vergessen sie sie dann selbst im Auto abzunehmen. Turnen mit Maske? Kein Problem! Spielen, rennen, toben mit Maske? Auch keins. Wirklich.

Einkaufen mit Sicherheitsabstand? Ist ehrlich gesagt viel angenehmer. Endlich muss ich mich nicht mehr vor den Regalen quetschen lassen.

Schule über Zoom? Täglich 45 Minuten machen die Kinder inzwischen richtig gern. (Den Rest ersparen wir ihnen, bis auf den Einzelunterricht, weil sie Englisch als Fremdsprache lernen.) Beide loggen selbständig ein, schreiben und rechnen mit. Toni bespricht mathematische Probleme gekonnt in Breakout Rooms mit Klassenkameraden und achtet darauf, dass alle zu Wort kommen in der Kleingruppe.

Nur 3 Tage die Woche Kinderbetreuung im Camp? Reicht eigentlich völlig aus. Die restlichen 2 Tage sind gut gefüllt mit spielen (Mama, wir haben NIE richtig Zeit zum spielen), lesen, Freunde treffen (draussen, mit Maske natürlich), Kunstunterricht bei einer Nachbarin und Lehrerin im Garten, Turnen im Verein (in Minigruppen, mit Maske) und Hausaufgaben nachholen. Und schwups, ist der Tag rum. Und ich hab sogar ein bisschen was gearbeitet nebenbei 🙂

Eine weitere Katastrophe? (Feuer. Stromausfall. Rauch, deswegen fällt das Camp aus, also keine Kinderbetreuung an den suuuper vollen Arbeitstagen, weil ich natürlich die 3 Tage richtig voll knalle. Bubblefreunde ziehen für 2+ Monate ans andere Ende des Landes, also keine Fahrgemeinschaft mehr, also muss ich täglich 2x 40 Minuten fahren, um die Kinder zu bringen und zu holen und Montags auch die Betreuung übernehmen.) Die Schockzustände werden immer kürzer. Als Corona begann, war ich ca. 2-3 Wochen im emotionalen Ausnahmezustand. Als klar war, dass die Schulen langfristig geschlossen bleiben, nochmal 2 Wochen. Als die Feuer begannen und der Rauch Mitte August zu uns zog, war ich 1 Woche lang fix und fertig. Als das Camp regelmässig ausfiel, war ich 1 Nacht k.o. Als unsere Freunde uns ihre Reise eröffneten, holte ich einmal tief Luft. Es ist wie es ist. Ein geflügelter Satz hier dank Trump. Und tatsächlich ein wahrer. Wir werden immer erprobter im Umgang mit Katastrophen. Weil wir im absoluten Überlebenszustand agieren.

4. Zu viel Abstumpfung ist gefährlich. So sehr uns die Gewöhnung hilft, nicht den Verstand zu verlieren und in reiner Panik zu leben, so problematisch ist diese Geisteshaltung. Vor allem kurz vor den Wahlen. Was ist, wenn Trump einen Putschversuch unternimmt? Sind wir dann noch geschockt genug, auf die Strasse zu gehen und zu protestieren? Oder atmen wir einfach all einmal tief durch und ergeben uns in unser Schicksal?

5. Allein sein ist auch ok. Nach 7 Monaten Pandemie und Shelter-in-place habe selbst ich extrem soziales Wesen nicht mehr ständig das dringende Bedürfnis nach menschlichen Kontakten mehr. Obwohl die meisten Läden wieder geöffnet haben, geh ich nie shoppen (ausser Lebensmittel einkaufen natürlich). Das soziale und öffentliche Leben ist quasi zum Erliegen gekommen hier. Und es fehlt kaum noch jemandem. Bzw. es fehlt inzwischen allen gleich. Den Introvertierten und Extrovertierten. Klar, ne Party wäre mal wieder schön. Oder ein gemeinsamer Gottesdienst. Oder ins Theater gehen. Aber es fehlt mir auch nicht mehr so brennend wie zu Beginn.

Das ist gruselig. Ich meine, wenn nicht mal mehr ich immerzu Menschen um mich brauche, was sagt das dann über weniger extrovertierte Leute aus? Und welche Auswirkungen wird das auf unser soziales, kulturelles und kirchliches Leben haben? Andererseits, eigentlich kann ich gar nicht so weit voraus denken. Also lass ich es bleiben und lebe weiter von Tag zu Tag. (Gerade sitze ich gegen 23.00 draussen im Garten, ein Waschbär hat mir eine Weile im Baum Gesellschaft geleistet, es ist erfrischend kühl nach einem Tag mit über 33 Grad Mitte Oktober… ja, so lässt es sich leben.)

Kinder im Waldschulglueck (Eltern auch)

Seit letzter Woche gehen die Kinder 3 Tage die Woche in ein Waldcamp. Jedenfalls, wenn die Luftqualitaet es zulaesst. Etwas ausserhalb von Berkeley, in den Huegeln gelegen, ist ein grosses Outdoorcamp. Es erfuellt alle anarchistischen Klischees von Berkeley. Die Kinder sind den ganzen Tag draussen in kleinen Gruppen von 5-7 Kindern. Natuerlich maskiert. Es ist vermutlich die einzige Einrichtung weit und breit, in der Kinder ihre eigenen Schnitzmesser mitbringen duerfen (und sollen). Es ist herrlich.

Heute kamen sie vollkommen begeistern nach Hause. Sie hatten den Tag mit Bogenschiessen, Messer werfen, Axt werfen und Wandern verbracht. Ausserdem hatten sie Tee gepflueckt und in kleinen Jutesaeckchen nach Hause gebracht. Er war koestlich und bestand aus Brombeerblaettern, irgendnem Nadelbaum und einer Pflanze mit dem Maerchennamen „Foreverlasting“. „Und, Mama, der hat ganz viel Vitamin C!“ Aha! Kinder mit Vitaminen zu begeistern ist schon ne Kunst fuer sich.

In dem Camp lernen sie weder lesen noch schreiben. Aber am Ende des Tages sind sie viel gewillter, noch ihre Hausaufgaben zu machen, als nach einem offiziellen homeschooling Tag. Ausgehungerter sind sie auch. Zum Glueck gibt es Nudeln!

Nun bleibt nur zu hoffen, dass das Camp in den kommenden 3 Monaten nicht zu oft schliessen muss. Die Waldbraende und Rauchwolken geben wenig Anlass zur Hoffnung. Da hilft nur, von Tag zu Tag leben. Morgens um 6 Uhr bekommen wir dann taeglich eine SMS mit der Zu- oder Absage fuer den Tag. Und wenn die Luft mal richtig gut ist, dann schnell tief durchatmen und alle Fenster und Tueren aufreissen.

Lebenszeichen aus dem Chaos

Drei Monate sind seit meinem letzten Text hier vergangen. (Wer in solchen Duerrezeiten von mir lesen moechte und wen Englisch nicht abschreckt, auf http://ctkfremont.squarespace.com/pr-tia-blog veroeffentliche ich woechentlich meine Andachtstexte und Predigten. Und Sonntags um 19.15 Uhr deutscher Zeit feiern wir per Zoom live Gottesdienst, kommt gern dazu, den link gibt’s auf www.ctkfremont.org. Brot und Wein nicht vergessen, wir feiern immer Abendmahl.)

In den 11-woechigen Sommerferien der Kinder waren wir mit Urlaubsleben und Ueberleben voll beschaeftigt. 3 Wochen fuhren wir mit dem Auto durch Nordkalifornien und Suedoregon, zelteten auf grosszuegig angelegten Zeltplaetzen, wanderten durch menschenleere Waelder, badeten in klaren Bergseen ohne Blicke anderer Menschen und kochten im Schwedentopf ueberm Feuer. Es war der perfekte Coronaurlaub. Ein fast maskenfreies Aufatmen (weil wir kaum Menschen trafen).

Ausserhalb des Urlaubs herrschte das uebliche Chaos, wenn 2 Erwachsene von zu Hause Vollzeit arbeiten und die Kinder ebenfalls zu Hause sind. Denn wir sind noch immer unter Ausgehbeschraenkungen. Es hat eigentlich nichts auf, ausser Laeden. Selbst die Spielplaetze sind noch abgesperrt, die Schulen weiter zu, meine Kirche auch. (Im Urlaub erkannten wir daran, ob wir uns in einer Trumpkommune befanden oder nicht. Offene Spielplaetze = Trump. Die Kinder haben es genossen.)

In den Ferien hatten wir uns mit einer anderen Familie zusammengetan in der Kinderbetreuung, so hatte ich „nur“ 3x die Woche 4 Kinder nachmittags und 2x KEINE(!!!!!!)

Arbeiten in Schichten ist immer noch unsre Ueberlebensstrategie. Meine Predigten und Andachten schreibe ich meist nach 22.00 (bis ich fertig bin…)

Seit 3 Wochen haben die Kinder wieder Schule – online. 9.00 loggen wir sie ein, Toni sitzt meist mit ihrer Freundin zusammen vor einem PC. Das erleichtert ihr das Lernen sehr. Theoretisch haben die Kinder dann taeglich 3-4 Zoommeetings a 45 Minuten mit Pausen bis 14.30. Praktisch haben wir sie zu dem 9.00 Metting verpflichtet, der Rest ist freiwillig. Bis 11.00 muessen sie Schulaufgaben machen und koennen zwischen lesen, schreiben und rechnen waehlen. Eine Hausaufgabe am Tag kommt dazu. Fertig.

Alles koennte fast schon normal und entspannt sein, haetten nicht uebelste Gewitter vor gut 3 Wochen grossflaechige Waldbraende ausgeloest. 45 Minuten entfernt von uns brannte es teilweise in allen Himmelsrichtungen. Wir sind zwar nicht direkt vom Feuer bedroht, aber der Rauch zieht immer wieder herueber, sodass wir tagelang kaum rausgehen konnten. Zu ungesund ist die Luft. Und unter Coronabedingungen will niemand seine Lungen zusaetzlich belasten. Kombiniert mit einer ungewoehnlichen Hitzewelle mit Temperaturen zwischen 35 und 42 Grad Celsius wird es dann in den Haeusern ohne Klimaanlage doch ungemuetlich. Dieses Wochenende ist besonders heiss und seit gestern sind schon wieder neue Feuer entfacht.

Hab ich noch was vergessen? Ach ja, die Stromausfaelle. Damit die Leitungen bei Hitze nicht ueberhitzen, wird hier gern vorsorglich mal der Strom abgestellt. Zum Glueck ist unsere Wohnung verhaeltnismaessig schattig gelegen und erhitzt sich nicht auf ueber 30 Grad… Da kann man ja fast noch denken. Nun muss ich dringend Eis essen und kaltes Bier trinken. Anders ist es gerade nicht auszuhalten hier, weder seelisch noch koerperlich noch moralisch 🙂

Eindruecke aus dem brennenden Land

Heute rief mich Mama an und fragte „Na, wie geht es euch?“ Ich musste erstmal ne halbe Minute lang ueberlegen. Auf welcher Ebene sollte ich antworten?

Eigentlich geht es uns gut, alles beim Alten. Alle sind zu Hause, die Kinder hassen ihre Zoom meetings, Lernen ist ein Krampf, Philipp und ich arbeiten zu abenteuerlichen Zeiten, aber hey, das Wetter ist gut, der Garten warm und wir koennen an den Strand und in den Wald.

Die Ausgehbeschraenkungen herrschen nun seit ueber 80 Tagen, keine Lockerungen in Sicht. Es ist immer noch offiziell illegal, sich mit Menschen ausserhalb des eigenen Haushaltes zu treffen. Spielplaetze sind weiter geschlossen, Kitas bieten nur Notbetreuungen. Maskenpflicht herrscht, klar.

Die Coronafaelle steigen weiter an trotz allem. Es ist zum Weinen. Nichts bessert sich. Die Hoffnung schwindet langsam. Aber an all das hatten wir uns fast schon gewoehnt.

Seit letzter Woche gibt’s taeglich neue Hiobsbotschaften. Das Land protestiert. Zu Recht. In den vergangenen 3 Monaten wurden mindestens 4 Schwarze von der Polizei getoetet bei Festnahmen. Statistisch stirbt 1 von 1000 schwarzen Maennern an Polizeigewalt in den USA. Seit 2017 BlackLivesMatter begann, hat sich systemisch wenig veraendert. Alle sprechen von Chancengleichheit und davon, keine Hautfarbe zu sehen. Aber dann werden eben doch die schwarzen Journalisten/ Demonstranten/ Fotografen festgenommen.

In allen mittelgroesseren Staedten wird taeglich demonstriert und leider auch randaliert. In den ersten Tagen wurde dem viel Verstaendnis entgegengebracht, weil alle die Wut verstehen. Inzwischen kippt die Stimmung. Interessanterweise sind es fast immer Weisse, die gewalttaetig werden. Nun steht das gesamte Land unter Ausgehsperre von 20 Uhr bis 5 Uhr. So etwas gab es das letzte Mal in den 1960ern. Wir erleben hier gerade die heftigsten Unruhen seit der Civil Rights Bewegung. Und einen Praesidenten, der Oel ins Feuer schuettet, die Opfer benutzt fuer seine Zwecke und gerade eben anegkuendigt hat, die Armee zu mobilisieren gegen gewaltvolle Demonstranten. Viele finden das gut.

Die Gewalt wird von wenigen Radikalen veruebt, z.T. von Rechtsradikalen, die die Situation ausnutzen, um das Land ins Chaos zu stuerzen (und den Demonstranten daran die Schuld zu geben). Es ist ekelhaft und beangstigend. Und so viele Menschen rufen nach einem starken Fuehrer. Trump hat das gehoert und sich heute als „Law and Order“ Praesident praesentiert. Das Schlimmste: Es koennte sein, dass diese Proteste zu seiner Wiederwahl fuehren.

War ich demonstrieren? Bisher nicht, aus purer Angst. In Oakland wo die groessten Proteste in unserer Naehe stattfinden, wurde ein Polizist erschossen. Laeden brennen, viele haben vorsichtshalber nun auch tagsueber geschlossen. Als Auslaender koennen wir ausserdem sehr schnell des Landes verwiesen werden im Falle einer Verhaftung. Und verhaftet wird hier wie verrueckt.

Hm, was noch?

Achso, den Schulen wurden 10% ihres Budgets gestrichen fuer naechstes Schuljahr und die oeffentlichen Schulen bleiben also fuer naechste Schuljahr weiterhin online – also zu. Es ist eine soziale und Bildungskatastrophe, die sich anbahnt. Und die Eltern reagieren gut amerikanisch: jeder sucht nach individuellen Loesungen fuer seine Kinder. Die Reicheren melden ihre Kinder auf Privatschulen an. Andere starten homeschooling mit Lehrern und kleinen Gruppen. Wieder andere wollen selbst unterrichten oder kleine Gruppen mit Freunden formen. Alles schoen und gut. Aber keine Loesung fuer alle.

Berkeley hat fantastische oeffentliche Schulen fuer alle. Gerade setzten sie sie aufs Spiel. Denn die Familien werden ihre Kinder nicht in 1-2 Jahren zurueckschicken von den Privatschulen. Und damit werden viele leistungsstarke Schueler langfristig dieses oeffentliche Schulsystem verlassen.

Ich habe heute mal eine Email an unsere Elternvertretung geschrieben, keine Reaktion. Bin gespannt, wann der Erste reagiert. Oder ob sie es einfach laufenlassen unter dem Deckmantel der Sicherheit vor dem Coronavirus.

Also, wie geht es uns? Keine Ahnung. Wir sind sicher, wie sind gesund, wir haben Sommerwetter, das Wasser ist badewarm. Ansonsten fuehle ich mich ehrlich gesagt emotional vollkommen ueberfordert. Ein Freund von mir meinte gestern zu mir: Verlass das Land solange es noch geht. Er wohnt an der kanadischen Grenze und hat angeboten, uns zur Not auch rueberzupaddeln, wenn es irgendwann sein muesste. Natuerlich war das alles scherzhaft gemeint, Vielleicht auch nicht.

Falls ihr betet, betet fuer dieses Land. Falls nicht, schickt gute Gedanken. DANKE!

Virtuelles Lernen – Ein Hoch auf die Schulen in Berkeley

Seit nunmehr 5 Wochen werden die Kinder regelmaessig, gezielt und durchdacht virtuell unterrichtet und mit Lernstoff versorgt. Und ich muss sagen, es ist fantastisch. Mal abgesehen davon, dass die Kinder wenig Lust aufs Lernen haben.

Theo hat 3x, Toni 4x pro Woche Zoommeetings mit der Lehrerin und der Klasse. In 45 Minuten schaffen die Lehrerinnen es tatsaechlich, den Kindern effektiv was beizubringen. Toni hat letzte Woche die Uhr gelernt, dazu den Laut „ph“. Sie hatte 30 Minuten Gaertnern mit Tipps fuers Beete anlegen, Insekten beobachten und Wuermer erforschen und 30 Minuten Musikunterricht samt lautem Singen, Rythmus klatschen… Theo hat alles ueber Regenwuermer gelernt, ein neues Buch gelesen und wichtige Worte wie „my“ und „hard“ schreiben gelernt.

Das klingt nicht nach viel? Nach 7 Wochen home-schooling ziehe ich den Hut vor diesen Lehrerinnen: Sie bringen den Kindern in 45 Minuten mehr bei als ich in 3 Tagen.

Richtig genial ist auch der Wochen-bzw. Tagesplan der Kinder. Dieser ist fuer den gesamten Schuldistrikt zentral gestaltet je Jahrgang. Alle Grundschullehrer arbeiten also zusammen. Heraus kommt ein Feinschmeckermenue, von dem wir uns a la carte aussuchen koennen. Taeglich gibt es eine wundervoll vorgelesene Geschichte samt Analysefragen, Sportvorschlaege wie Superhero-Yoga samt Video oder Taenze oder Fitnessplaene fuer die ganze Familie. Toni hat mich heute gezwungen, dass volle Programm durchzuarbeiten und mich lauthals angefeuert. „Mama, du kannst das, super gearbeitet. Richtig gut. Toll. Morgen wird es noch besser.“ Man merkt den amerikanischen Motivationsbombeneinfluss.

Jede Woche gibt es ein einstuendiges Kunstlernvideo mit so guter Anleitung, dass Toni mit 7 ein echtes Selbstportrait gemalt hat. Als naechstes ist das hier dran (https://drive.google.com/file/d/1ZgK3y3tBXiHOOT1uoznzNUWkMESMaiRq/view). Wer will, kann Floete lernen mit Lehrvideos. Oder Noten lesen lernen.

Die soziale Lernaufgabe der Woche lautete: In der Natur gibt es so viele tolle Farben. Denk diese Woche in deinem Tagebuch ueber Farben nach. Welche Farbe wuerdest du waehlen, um Traurigkeit zu illustrieren? Welche fuer Froehlichkeit? Fuer Frust? Fuer Aufregung? Loest eine Farbe noch andere Gefuehle bei dir aus? WOW! Ich musste fuer sowas erst ins Predigerseminar gehen. Toni und Theo lernen das mit 6 und 7!

Natuerlich darf auch Wissenschaft nicht zu kurz kommen in Berkeley. Diese Woche sollten sie ein Lichtschwert bauen (https://www.wikihow.com/Make-a-Light-Saber-Using-Everyday-Items), schliesslich ist Star Wars Woche (May the fourth be with you!) Es gibt ein ausfuerliches Matheproblem pro Woche und einige Webseiten, auf denen die Kinder Mathe und Lesen ueben koennen und die Lehrer ihre Ergebnisse dann sehen, bzw. das Lesen hoeren und kommentieren.

Jeden Freitag verschickt die Direktorin unserer Schule ein Video an die Kinder und eins an die Eltern mit ganz viel Liebe und konkreten Angeboten wie: Wenn es ihrem Kind schlecht geht, sagt mir Bescheid und ich ruf an oder komm vorbei mit viel Abstand oder schreib einen Brief. Es gibt woechentliche Lehrer-Eltern-Zoom meetings in den Klassen und ein woechentliches Counselingangebot fuer Eltern.

Und ja, alle Kinder haben Computer und Internet dank einer riesigen Investition in Leihgeraete und kostenloser Internetpakete fuer beduerftige Familien.

Unser einziges Problem ist, dass wir kaum hinterherkommen. Aber der Sommer wird ja noch lang genug bei 10 Wochen Ferien ohne Sommercamps und Urlaubsreisen…

Einkaufen zu Coronazeiten

Das Einkaufen hat sich drastisch veraendert in den letzten 7 Wochen, wie halt ueberall auf der Welt. Es begann mit Abstand halten ohne Masken vor 7 Wochen. Dann trugen wir Masken. Dann begannen alle Laeden damit, die Zahl der Kunden zu regulieren, es bilden sich also lange Schlagen vor den Laeden. Der 2m Abstand ist auf dem Boden gut sichtbar gesprayt. Dann wurden alle Einkaufswagen nach jedem Kunden desinfiziert und inzwischen verteilen viele Laeden sogar Einmalhandschuhe wahlweise in Groesse S, M oder L. In der Handtasche und im Auto hab ich dann noch selbsthergestelltes Desinfektionsmittel fuer Danach. Ich hoffe, das reicht, um gesund zu bleiben!!

Und ich denke mir: O Mann, wie naiv war ich eigentlich noch vor wenigen Wochen? Der Virus war schon damals derselbe, aber wir haben uns erst allmaehlich angefangen, zu schuetzen. Irgendwie verrueckt, wie lange die Anpassung gedauert hat. Und gleichzeitig erstaunlich, wie natuerlich es fuer die Kinder inzwischen ist, zur Seite zu springen beim Anblick anderer Menschen.

Mal kurz schnell was einkaufen, das war gestern. Heute geh ich alle 14 Tage in meine 2 Laeden, jeder Einkauf dauert 1,5-2 Stunden mit Wartezeit und ziemlich egal zu welcher Uhrzeit. An der Kasse fragte die Kassiererin mich: Kaufen Sie fuer ne laengere Zeit ein? Ich nickte. Und haette hinzufuegen sollen: Und fuer 3 erstaunlich hungrige Menschen (plus mich).

Isolation macht hungrig. Oder die Kinder wachsen gerade. Oder beides. Und ich stelle fest, dass ich interesssante Panikkaeufe taetige. Seit Wochen vergeht kein Einkauf, ohne dass ich Eis mitnehme. Da muss mein Unterbewusstsein ganz stark am Werk sein. Denn ich esse es gar nicht so oft, waehrend unser Gefrierfach vollgestopft ist mit Erdbeer-, Vanille, Karamell-, Cookie-, Limonen-, Irgendwasamerikanisches- und seit heute Pistazzieneis plus die obligatorischen Bio-Saft-Wassereise, ohne die kein Kind in Berkeley leben kann.

Mein anderes Seelenfutter ist Joghurt in allen Formen. Einfacher Joghurt, Griechischer Joghurt, Trinkjoghurt und auch mal ein Kefir, unser Kuehlschrank ist wirklich gut damit gefuellt. Und wieder: Ich esse das zwar gern, aber gar nicht mal so regelmaessig, wie meine Einkaeufe suggerieren. Aber es beruhigt mich, dass ich es essen kann. Wenn es mir schlecht geht. Psychisch zum Beispiel. Weil wir seit 8 Wochen kaum Menschen sehen und wenn, dann mit mindestens 2m Abstand. Weil ich dafuer meine 3 Lieblingsmenschen 24/7 sehe. Was macht eigentlich 24x7x7x11? Definitiv zu viele Stunden, bei aller Liebe. (Bis Ende Mai gehen unsere Ausgehbeschraenkungen hier… Das waren dann 11 Wochen…)

Ansonsten kauf ich definitiv mehr Bier und Wein fuers Herze. Und Mehl. Haben sogar dunkles Roggenmehl gefunden, leider nur in der 25kg Packung, aber nun gibt es leckeres, dunkles Brot bei uns. Wenngleich immer noch weit entfernt von Schwarzbrot. Da braeuchten wir wohl Malz zum Faerben.