Vorfreude auf Deutschland

Wir fliegen nach Deutschland. Danke liebe EKD. Denn sie zahlt den Kindern und mir einen Rückflug innerhalb von 12 Monaten und den konnte ich nicht verfallen lassen. Gott sei Dank.

Pünktlich zur Adventszeit bekam Toni nämlich wieder Heimweh. Es begann ganz harmlos mit der Frage: „Kommt Grossmama Weihnachten zu uns?“ – „Nein.“, sagte ich wahrheitsgemäss. – „Kommt Jannschi?“ – „Nein.“ – „Kommt Chrischi?“ – „Nein.“ – „Kommt überhaupt irgendwer aus Deutschland?“ – „Nein.“

Und dann brach es aus Toni heraus: „Ich will nach Deutschland zurück. Ich will, dass es so ist wie immer. Dass wir alle zusammen Weihnachten feiern bei Grossmama in Rostock. Wie immer.“ Toni weinte bitterlich und ich beschloss, das Geheimnis zu lüften. Leise flüsterte ich ihr unsere Reisepläne ins Ohr. Sie lächelte, die Krise war überstanden.

Einige Tage später begann Theo mit denselben Fragen und Toni erzählte es ihm. Seitdem zählen die Kinder doppelt: Einmal klassisch bis Weihnachten. Und dann addieren sie 2 Tage dazu bis zum Abflug. Heute haben wir Geschenke eingepackt (halber Koffer) und unsere Klamotten. Am 26. fahren wir nach dem Frühstück zum Flughafen.

9 Stunden Direktflug allein mit 2 Kindern. Sollte kein Problem sein dank Filmangebot. Allerdings landen wir in Deutschland, wenn es nach amerikanischer Zeit Mitternacht ist. Irgendwie muss ich die beiden also zum Einschlafen bringen. Na, wird schon.

Ich bin langsam genauso aufgeregt wie die Kinder, noch 1x schlafen bis Weihnachten und 3x schlafen bis Deutschland. Hurra!

Eislaufen im T-Shirt

Die Kinder lieben Eislaufen. Letzten Winter waren sie ganz traurig, dass es hier keine gefrorenen Seen gab. Dass man dennoch Eis laufen könne, war uns nicht in den Sinn gekommen.

Natürlich kann man. Wir sind schliesslich in Amerika. Da kann man alles. Am Eröffnungswochende war es sogar erschwinglich.

Auf einer Minieisbahn zogen wir unsere Runden im T-Shirt bei 20 Grad zu Weihnachtsschlagern. Um Winterzauber zu verbreiten, hatte man Plastebäume mit Plasteschnee aufgebaut und sie kunterbunt erleuchtet.

Es wäre nicht Amerika, gäbe es keine Regeln und vor allem keine zahlreichen Aufpasser, die für deren Einhaltung sorgen. Wichtigste Regel: Nur im Uhrzeigersinn laufen. Die Kinder verstanden schnell, dass die Richtungsinterpretation variabler wird, je näher sie am Zentrum liefen. Zum Ärger der Aufsicht, die nicht genau wussten, wann sie ermahnen durften.

Während Toni dank eisernen Übens inzwischen sehr gut allein fährt, geht es Theo nur um Tempo. Egal, ob an meiner oder Philipps Hand oder mit Eislaufhilfe. Er sieht gar keinen Wert im eigenständigen Schlittern. Man ist langsam und fällt hin. Will er nicht.

Leider sind die Eislaufhilfen hier hochnot altmodisch und sehen aus wie ein Plasterollator. Für läppische $5 bekommt man sie auch schon. Für ganze 30 Minuten. Armer Theo? Nee. Arme Eltern, die stundenlang mit Kind an der Hand herumdüsen durften. Hat trotzdem Spass gemacht.

Sommergeburtstag im November

Toni ist unser Novemberkind und hat darunter bisher immer etwas gelitten. Zu gern wollte sie draussen feiern mit Erdbeertorte. Tataaa – Kalifornien macht es möglich. Mitte November herrschten immer noch 25 Grad, im Laden gab es frische, lokale Erdbeeren und weissen Spargel für unsere Feinschmeckerin.

Bei Theos Geburtstag hatte ich mich noch ziemlich gestresst mit verschiedenen Kuchen und 100 Spielen und Preisen. Diesmal wusste ich schon, worauf es ankommt:

  1. Viele Gäste: Toni lud ihre gesamte Klasse ein samt Geschwistern. 30 Kinder kamen mit ihren Eltern.
  2. Eine Geburtstagstorte: Sie qualifiziert sich durch Kerzen, die sofort ausgepustet werden. Toni wollte auf keinen Fall eine bunte, gekaufte. „Je selbstgebackener, desto besser“, erklärte sie uns und wünschte sich eine Erdbeersahnetorte.
  3. Chips, Gemüse und Dips für die Eltern. So haben sie die Möglichkeit, ihre Kinder daran zu erinnern, ihre „greens“ oder „veggies“ zu essen und zeigen den anderen Eltern, wieviel Wert sie auf gesundes Essen legen. Selbst bei Parties.
  4. Nicht zu viel Kaffee und Kuchen. Die meisten kommen vom Brunch/ Mittag und gehen danach noch zur nächsten Party.
  5. Pinata!!!

Grundsätzlich gehen die meisten Parties hier 2 Stunden offiziell. Faktisch gibt es ein knapp einstündiges Zeitfenster, in dem alle Gäste da sind. Da müssen Torte und Pinata stattfinden. Die Pinata läutet dann gleichzeitig den dramatischen Höhepunkt (ein Kind schreit immer) und das Ende der Feierei ein.

Natürlich konnte ich dann doch nicht anders und spielte mit den Kindern Eier laufen und Topf schlagen. Aber der absolute Hit war das Seil, an dem die (von Philipp und den Kindern selbstgebaute) Pinata hing. 20 Minuten droschen die Kinder auf das Einhorn ein, dann fiel es endlich und die Party hätte zu Ende sein sollen. Wäre nicht ein Papa (nicht Philipp) auf die Idee gekommen, Kinder an dem Seil hoch zu ziehen und schaukeln zu lassen. Dauerte ne Weile und kostete viele Eltern sicher grosse Überwindung. Aber keiner beschwerte sich ob der Lebensgefahr nach amerikanischen Standards.

Und dann begann das Tauziehen. Keine Ahnung, wie das anfing. Aber plötzlich hingen knapp 30 Kinder in 2 Gruppen an einem Seil und zogen und schleiften sich gegenseitig über den Rasen. Väter und Mütter konnten nicht widerstehen und traten den Lagern bei. Es wurde ein regelrechter Kampf mit Geschrei, Geschwitze, Tränen und Jubel. Und niemand wurde müde. Es war, als ob der Geist der Geburtstagsfeiern vorheriger Generationen auf uns lag. Niemand wollte gehen, Eltern schrieben mir später, was für eine besondere Feier dies gewesen sei.

Es war ein Tag, an dem wir alle gemerkt haben: Wir sind hier angekommen. Die Klassenkameraden der Kinder sind nicht nur Kameraden, sondern Freunde. Ich kenne fast alle Eltern, viele davon gut, mit einigen bin ich befreundet. Wir haben uns hier ein Leben aufgebaut und geniessen es!

Das Auspacken der Geschenke war dann doch ein kleiner Schock. In der Einladung hatten wir extra betont, dass es um das gemeinsame Feiern ginge und Geschenke nebensächlich seien. Trotzdem wurde Toni geradezu überhäuft. Zum Glück habe ich mir das „Auge-um-Auge-Schenken“ schon lange abgewöhnt.

Wetterfühlig

3 Tage vor dem 1. Advent lag ich noch am kalifornischen Strand, während Theo mit den Füssen badete. Dann brach mit einem Mal die Regenzeit an. Und nun herrscht schönstes Hamburger Frühsommerwetter: Heftige Regenfälle wechseln sich ab mit Wind und strahlendem Sonnenschein. Morgens ist es kalt, mittags warm, abends kühl, nachts richtig kalt. Naja, 10 Grad eben (gefült). In echt behauptet mein Handy seien es immer noch 14. Nach 7 Monaten Sommer hatte ich mich an ein regenfreies Leben gewöhnt. Nach 2 Wochen reicht es mir ehrlich gesagt auch schon mit dem Regen. (Wir hatten Glück dieses Jahr und nur ein wirklich verheerendes Wildfeuer in unserer Gegend, 50 km entfernt.)

In der Schule haben die Kinder gelernt, bei wieviel Fahrenheit es kalt und warm ist. Ergebnis: 70 F (20 Grad) ist kalt. Das dazugehörige Tier ist der Pinguin. 100 F (40 Grad) ist heiss. Da leidet auch der Löwe.

Als gute Kalifornier frieren meine beiden Nordlichter nun bei allem unter 15 Grad und tragen Wintermäntel, Handschuhe und gefütterte Schuhe. Ich würde über sie lachen, wenn ich es nicht genauso handhabte.

Theo hat sich kleidungstechnisch schon komplett angepasst: Handschuhe und Winterstiefel hindern ihn nicht daran, kurze Hosen zu tragen. Tagein und tagaus. Bei Regen und Sonne. Wir werden fürchterlich bibbern und zittern in Deutschland und uns nach kalifornischer Sonne sehnen. Es sei denn, es gibt immer genug Glühwein für mich zum Aufwärmen. Und Würstchen für Theo. Er findet die Hot Dog Würstchen hier widerlich. Sind sie auch. Eeekelhaft. Selbst bei strahlendem Sonnenschein.

Weihnachtsstimmung?

Es ist Adventszeit, nur noch 12 Tage bis Weihnachten. Normalerweise kann ich um die Zeit schon keine Weihnachtslieder mehr hören und bin völlig überzuckert und -glühweinalkoholisiert.

Dieses Jahr ist alles anders. Adventlich fühlt es sich eigentlich nur in der Kirche an. Da duftet es nach frischem Tannengrün und einem riesigen Weihnachtsbaum. Ansonsten ist alles wie immer. Nix mit amerikanischem Dekowahn in Berkeley. Zu Halloween waren die Häuser aufwendiger geschmückt als im Moment. Natürlich gibt es in San Francisco riesige Weihnachtsbäume vor dem Rathaus. Aber da waren wir noch nicht. Natürlich dudelt Weihnachtsmusik in den Läden. Aber ich geh so gut wie nie einkaufen, mal abgesehen von Lebensmitteln. Und da hält man sich mit Weihnachtsliedern zurück. Schliesslich ist ja auch Chanukka demnächst. Und da spielen Weihnachtsmann und Christkind sicher keine Rolle.

Also habe ich auf ein altbewährtes Mittel zurückgegriffen: Bachs Weihnachtsoratorium funktioniert immer. Mit den Kindern höre ich rauf und runter Weihnachtslieder auf Youtube, auch die schlimm kitschigen, weltlichen. ist schon alles egal. Hauptsache, es hilft, in Stimmung zu kommen.

Was noch? Am 1. Advent bastelten die Kinder im Kindergottesdienst Gott sei Dank Adventskränze. Amerikanisch praktisch mit Steckmasse. Eine Lichterkette fand ich auf der Strasse. Die hüllt unsere Küche nun in warmes Licht. Und heute brachte eine Nachbarin uns ihren 3-Jahre alten Plastebaum vorbei. Schon aufgebaut. Mit Lichtern. In Deutschland hätte ich mich gegruselt. Hier kostet ein mickriger 1,20m Baum schon $50. Für 2 Tage lohnt sich das nicht. Denn am 26. fliegen die Kinder und ich nach Deutschland. Echte Bäume gucken und Weihnachtsstimmung inhalieren. Ich werde mich soooo an Stolle und Marzipankartoffeln und Dominosteinen überfressen. Legt Vorräte an!

Lebkuchen gibt’s hier natürlich auch nicht. Ganz zu schweigen von Glühwein. Den setze ich übermorgen selbst an, wenn ich Nelken gekauft habe. Das Rezept dafür hat mir eine unserer Damen aus der Kirche verraten. Kosten durfte ich ihr Gebräu auch. War oberlecker! Der Trick: Wasser mit Gewürzen und Orangen und Zitronen stundenlang sieden lassen und erst zum Schluss mit Wein auffüllen.

Was mich überrascht hat: überall werden Adventskalender verkauft. In Kanada musste ich die damals noch selbst basteln. Und Trader Joe’s verkauft echte, deutsche Lebkuchenhäuser zum Selberbauen. Immerhin.

Herbstfest an der Schule: Spass für die Kinder, Stress für die Eltern

Die meisten Schulveranstaltungen hier sind Fundraiser. $120.000 müssen wir Eltern zusammenkriegen dieses Jahr, um die Schule mitzufinanzieren. Das Herbstfest war anders. Da ging es wirklich mal nur um Spass und Gemeinschaft.

Ist aber nicht weniger stressig in der Organisation. Als Elternsprecherin war ich für 150 Preise verantworlich für die gesamte Schule. Hat mich kurzzeitig etwas überfordert. Aber dann habe ich mein Facebook Netzwerk „Buy nothing“ aktiviert und 4 Tüten Kuscheltiere und Spielzeug abgeholt. Und alle waren glücklich. Die Gewinner und die grosszügigen Geber (denn sie waren den riesigen blauen Elefanten und das Monstereinhorn los). Nur die Eltern der Gewinner trugen süsssaure Mienen zum lustigen Spiel. Yeah, ein Kuscheltier mehr im Kinderzimmer!

Theo entschied zich netterweise für ein Fernglas mit eingebautem Kompass. Toni nahm eine kleine Figur.

Andere Elternvertreter hatten noch aufwendigere Stände gezogen. Eine antike Apfelpresse zum Beispiel, für die die entsprechende Mutter 30kg Äpfel organisieren musste. Oder eine Hüpfburg zum selbst aufpusten (mit Motor, aber trotzdem). Zum Glück müssen Bachelor-Studenten hier jedes Semester einige Stunden lokales Ehrenamtsengagement nachweisen. Also hatten wir 30 kräftige Helfer.

Keine Veranstaltung ohne Kulturbeitrag. Ein etwa 5-jähriger Frontsänger rappte die Bühne mit allerlei „typisch männlichen“ Bewegungen (z.B. Hüftschwung vor- zurück, dabei seine Hoden mit der Hand verdeckend). Unterstützt von seinen etwa 8-jährigen „girls“. Es war zum Schreien: Witzig, komisch, musikalisch erstaunlich gut. Und irgendwie fehl am Platz an einer Schule, an der diverse Genderkonzepte gleichberechtigt gelebt und gelehrt werden. Nach der Vorstellung verteilte der Frontsänger Lollis mit Emblem des kleinen Stars für die Fans. Leider bekam nur jedes 10. Kind eins zugeworfen. Toni war leider eines davon. Leider bekam Theo daraufhin einen Wutschreianfall. Leider, leider war das Fest damit für uns zu Ende.

Ratten im Haus

5 Tage lang hatten wir Ratten im Haus. In der Küche. Im Käfig.

Oreo und Cookie hiessen unsere männlichen Gäste, die wir für Tonis Klassenkameradin und Freudin hüteten. Und sie waren super süss. Kuschelig, schmusig, nach einigen Tagen zutraulich. Sie krabbelten auf Theo und Toni herum, frassen uns Birne und Apfel aus der Hand. Wirklich zum Verlieben. Und das, obwohl ich erst mittel enthusiastisch war.

Wäre da nicht dieser Schwanz. Dieser lange, kleinfingerdicke, nackte Schwanz. Den muss man echt ausblenden. Der zerstört den Gesamteindruck.

Aber sonst kann ich mich an kleine Mitbewohner im Käfig gewöhnen. Jedenfalls für 5-Tagesintervalle. Danach sollte nämlich mal der Käfig grundgereinigt werden. Das überlass ich gern den Besitzern.

Frühling im Herbst

30 Jahre friedliche Revolution. Wie in jedem Jahr, feiere ich im Herbst meine 2 wichtigsten, säkulären Feiertage. Den Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober und die Maueröffnung am 9. November. An beiden Tagen verspüre ich nur eins: Pure Dankbarkeit, Erleichterung, Freude.

Mir wird immer wieder bewusst, welche immense Bedeutung 1989 für mein Leben hat. So vieles hätte ich nicht erlebt ohne deutsche Einheit. Hätte nicht in Kanada gelebt, vielleicht in Rumänien, sicher nicht in Griechenland und schon gar nicht heute in den USA. Ich hätte Philipp nicht getroffen und die meisten meiner Freunde nicht. Ich hätte keine 2. Heimat in München und Hamburg gefunden und keine 3. im Allgäu.

Die Kinder finden es faszinierend, dass Papa und Mama früher in 2 verschiedenen Ländern gelebt haben. „Papa, bist du über die Mauer geklettert zu Mama?“, fragen sie. Oder: „Mama, warst du so richtig eingesperrt?“ Und Toni philosophiert darüber wer sie wäre, wenn es noch immer 2 Mal Deutschland gäbe. „Also, Theo und ich wären natürlich trotzdem hier. Nur Papa wäre nicht in unserer Familie.“

Am 8. November ludt die internationale deutsche Schule im nächsten Ort zum Laternenfest samt Revolutionsgedenken ein. Kerzen und stürzende Mauern, sehr passend. Hier gab’s natürlich elektrische Sicherheitsteelichter im Wachslook. Wir zogen einmal um den Block, sangen ein paar Lieder. Leider waren wir zu spät zum Laterne basteln gekommen, so musste ich mal nicht 2 Laternenstäbe tragen für die Kinder. Auch schön. Theo war völlig sprachverwirrt. „Ich kenne die Lieder doch nicht af Englisch“, sagte er. „Kein Problem, wir singen ja auch alle auf Deutsch.“

Danach dann die Presentation zum Mauerfall. Jugendliche Deutsch-Amerikaner haben versucht, zu erzählen, was passierte. Grandios. Hier ein paar Highlights.

Wichtige Leute waren mit an der Revolution beteiligt.

Ronald Reagan, der 1987 Michael Gorbatschow erklärte: Reiss die Mauer ein.

Michael Gorbatschow, der 2 Jahre später endlich auf den amerikanischen Bruder hörte

Irgendein amerikanischer Rockstar, der 1988 in Berlin von einstürzenden Mauern sang.

Und natürlich Udo Lindenberg mit seinem Sonderzug nach Pankow. Da hätten wir spontan eine Karaokeveranstaltung draus machen können. So viele Eltern summten und sangen mit.

Helmut Kohl? Die Ostdeutschen? Ungarn? Genscher? Kirchen? Keine Rede davon.

Und dann der beste Satz ganz am Ende: „1989 zeigte, dass der Kommunismus keine Chance hat in dieser Welt!“ Ausrufezeichen. Generell. Ich bekam einen kurzen Lachanfall. Kalter Krieg lässt grüssen.

Tja, Geschichtsschreibung ist eben immer Gegenwartsdeutung. Was hier bewiesen wurde.

Frühlingshafte Temperaturen sind übrigens wirklich gerade.

Halloween für Erwachsene im Geisterhaus

Um Halloween schiessen die Geisterhäuser hier aus dem Boden. So eine Art Geisterbahn. Nur schlimmer. Weil man nämlich selbst durchlaufen muss. Also wie damals, als ich als Kind mit meinem Bruder auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt durch die Kindergeisterbahn lief.

Nur, dass sich damals mein Bruder an mich klammerte und ich mutig voranschritt. Ich wusste ja schliesslich, dass das alles nicht echt war.

Diesmal wusste ich es auch. Half aber nichts. Mein Verstand sagte mir: Ist alles nur Requisite. Die Schauspieler dürfen mich nicht anfassen (hatte mich extra beim Einlass vergewissert). Wir sind eigentlich in einem Einkaufszentrum. Und ausserdem ist das hier Amerika, die haben panische Angst vor Klagen. Da passiert garantiert nichts.

Und trotzdem dachte ich zwischenzeitlich, ich würde die 25 Minuten nicht überleben ohne mich heiser zu schreien und in Ohnmacht zu fallen. Psychologisch habe ich viel über mich gelernt.

Meine 1. Angstbewältigungsstrategie war der Realitätscheck. Darf mich jemand berühren? Wird sich der Boden bewegen? Bei näherem Hinsehen sind die Masken ziemlich übertrieben. War ein guter Versuch. Aber ich hab mich trotzdem fürchterlich erschreckt über all die aus dem Nichts auftauchenden Monster und auf dem Boden kriechenden Wesen.

2. Strategie: Die Menschen/ Schauspieler/ Gruselwesen vor denen mir bange ist ansprechen. Einem maskierten Typen erklärte ich halb selbstbewusst: „Ich weiss, dass du mich nicht anfassen darfst.“ Aber das war ihm total wurscht. Er blieb trotzdem gefühlt 1 Millimeter von meinem Gesicht entfernt mit seiner haarigen Schreckensmaske.

3. Strategie: Vorsicht. Wir haben wahrscheinlich den absoluten Zeitrekord gebrochen, denn ich bin durch die beiden Häuser im Schneckentempo gegangen. So langsam, dass sich die Leute hinter uns stauten. Und die Armen sich viel weniger gruselten als wir. Zitat des Ehepaares hinter uns am Ende: „Das war überhaupt nicht schlimm. Weisst du noch, bei dem in Tennessee, da sind wir fast gestorben vor Angst.“ Bin ich froh, dass ich da nicht war.

4. Strategie (die keine ist, sondern eher ne Reaktion): Mich an Philipp klammern. Von hinten, damit er zuerst erschreckt wird. Jedes Mal, wenn Philipp aufschrie, schloss ich vorsichtshalber die Augen. Hab dadurch viel weniger Angst gehabt (und auch nur die Hälfte der Dinge gesehen… aber das war es wert). Leider hat einer der Schauspieler mich durchschaut und es einmal geschafft, Philipp so zu erschrecken, dass er einen Satz nach vorn gemacht hat. Und plötzlich war da ein Monster zwischen Philipp und mir und ich schrie nur noch nach Philipp und das Monster blieb und Philipp kam nicht zu mir und ich nicht zu ihm. Ein absoluter Albtraum von ca. 3 Sekunden, einer gefühlten Ewigkeit.

Warum wir uns das angetan haben? Weil ich Karten gewonnen hatte (hätte sonst $26 pro Person gekostet). Weil es super amerikanisch ist und ich noch immer im Austauschschülermodus lebe und alles ausprobieren will. Weil ich es jetzt von meiner Liste abhaken kann.

In der Nacht hatte Philipp Albträume. Ich nicht. Beschützer sein hat seinen Preis.

Leah und Theo – die Suche nach einer Wohnung geht weiter

Vor einigen Wochen habe ich euch von Leah und Theo erzählt. Unsere Nachbarn, die im Zelt auf unserem Lieblingsspielplatz wohnen. Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht in ihrem Sinne herumtelefoniere oder Emails schreibe oder Menschen von ihnen erzähle.

Bisher ohne echten Erfolg. Die beiden haben immer noch keine Wohnung und zu allem Übel auch noch ihren Wohnungsgutschein gestrichen bekommen. Weil sie ein Obdachlosenheim und eine schimmelige Wohnung abgelehnt haben. In dem Falle wird der Gutschein noch einige Wochen aufrecht erhalten und dann einer anderen Familie gegeben. Pech gehabt. Im Moment fühlt sich niemand mehr von der Stadt Berkeley zuständig.

Aber wir sind dran. Ein anderer Nachbar und ich sind die Task Force. Er telefoniert in Berkeley herum, ich vernetze uns mit Nachbarn und Menschen weltweit, die helfen wollen. Leah und Theo wohnen seit 2 Wochen in einem Motel, das wir aus Spenden finanzieren. Wer helfen will, hier ist der Link:

https://www.gofundme.com/f/a-home-and-a-future-for-7yearold-and-his-mom?utm_source=customer&utm_medium=copy_link&utm_campaign=p_cf+share-flow-1

Es ist ein echter Kampf, leider. Viele Vermieter wollen nicht an Obdachlose und schon gar nicht an behinderte. Weil die ja dann den ganzen Tag zu Hause seien. Es gibt viele Organisationen, die sich für Obdachlose engagieren. Aber irgendwie meist auf ner anderen Ebene. Entweder sie verteilen Essen und Kleidung oder sie kämpfen für bessere Rechte. Beides ist wichtig, aber ne Wohnung auch. Und ein Anwalt. Fürs Erstreiten eines Wohnungsgutscheines und im Sorgerechtstreit um Theo. Denn der Vater hat anscheinend sein Besuchsrecht erwirkt und will nun das allgemeine Umgangsrecht, vielleicht sogar das Sorgerecht?

Es sind so viele Baustellen, dass ich manchmal in den letzten Wochen echt mutlos war und kurz vor dem Aufgeben. Aber dann kamen Leute auf mich zu, die helfen wollten. Ein Gemeindemitglied, das mich jeden Sonntag nach den beiden fragt und regelmässig spenden will. Wildfremde Menschen, die von den beiden hören und Geld geben wollen. Innerhalb von einer Stunde haben gerade 4 Menschen auf GoFundMe $400 gespendet. Das macht Mut.

ABER: so wichtig Geld ist, es reicht leider nicht. Denn es zuabert keine Wohnung her. Selbst AirBnb-Gastgeber wollen nicht an die beiden vermieten. Obdachlos zu sein stigmatisiert. Das wird mir gerade so richtig klar. Und es macht mich wütend. Was gut ist, denn Wut ist in dem Falle mal der richtige Antrieb!!!