Zufluchtsort Strand

Zum Glueck haben wir seit 6 Wochen ein Auto. Ein klitzekleines Gefuehl von Freiheit fuer mich. 3-4 Mal pro Woche packe ich nachmittags die Kinder und duese zum Strand 20 Minuten von uns. Es ist nur der Strand an der Bay, aber das ist mir egal. Der Wind weht mir um die Nase, Sand zwischen den Fuessen, kaum andere Menschen und leich brackiger Seegeruch. Mehr brauche ich nicht, um vollkommen entspannen zu koennen. Ich glaube, ohne diesen Zufluchtsort waere ich schon durchgedreht. Wie einen die Kindheit und Jugend doch praegt.

Ich bin 100% extrovertiert, das beweist diese Erfahrung eindeutig. Da ist wirklich nicht ein Ministueckchen introvertiert in mir versteckt. Nicht mal ganz tief. Das heisst, Ausgehbeschraenkungen und Zwangsabstand von anderen Menschen ist der absolute Horror fuer mich.

Ausser am Strand. Da ist es mir egal. Da will ich meine Ruhe. So bin ich es von klein auf gewoehnt, immer auf der Suche nach dem leeren Strandabschnitt. Da ist die FKK-Erziehung dann doch mal hiflreich. Wenigstens am Strand fehlen mir Menschen nicht. (Ok, ich telefoniere schon ab und an, aber das Netz ist leider so schlecht…)

Und so verbringen wir Stunden in unserer kleinen Oase, rennen, raufen, lesen, traeumen. Die Kinder baden fuer eine mutige Minute und proelen sich danach alles an, was sie finden. Gegen 18.00 kommt taeglich ein Schlagzeuger auf den Parkplatz und musiziert. Letzte Woche sind die Gaensekueken geschluept und begruessen uns nun flauschig, putzig. Das Leben geht in mancherlei Hinsicht dann doch weiter. Wenigstens fuer die Gaense. Irgendwie beruhigend.

Karwoche und Ostern

Die Karwoche war diesmal wirklich eine stille Woche. Wir feierten einen wunderschoenen Abendmahlsgottesdienst via Zoom am Gruendonnerstag an unserem Kuechentisch. Zwei andere Gemeinden aus Fremont schalteten sich dazu.

Natuerlich musste Theo kurz vor Gottesdienstbeginn und vor laufender Kamera sein Saftglas umwerfen, aus Versehen. Kaputtes Glas, Scherben und Saft ueberall. Der Tisch klebte wie Hubatz.

Mama und Jannschi hattten kurze Duos eingespielt fuer meine Gottesdienste und Toni und Theo sassen andaechtig da, als die beiden auf unserem Bildschirm erschienen. Wenn schon alles online laeuft, geht das auch weltweit.

Wochenlang hatte ich mich mit der Frage beschaeftigt, ob und wie Abendmahl online gefeiert werden kann. Am Ende war es ganz einfach: Wir sprachen die Einsetzungsworte alle zusammen und „gingen“ dann in kleine Gruppen von ca. 5 Leuten. Jeder bekam individuell die Worte zugesprochen, wir assen und tranken, was wir zu Hause hatten. Saft, Wein und Brot. Es fuehlte sich 100% echt an, weil es 100% echt war. Alles war bereit: Die Elemente, die Worte, der Glaube, die Gemeinschaft.

Es war der erste Online-Gottesdienst, an dem beiden Kinder freiwillig teilgenommen haben. Denn sie lieben Abendmahl, dafuer hoeren sie sich auch meine Predigt an. Die Lieder moegen sie eh. Seit Gruendonnerstag groelen sie „GO down, Moses“, als waere es Kriegsgeschrei. Ist es ja irgendwie auch. Befreiungsgeschrei.

Karfreitag verschickte ich Hausandachten an alle. 3 Zoom-Gottesdienste in 1 Woche waren dann doch zu viel des Guten. Jeder Gottesdienst muss ja einzeln geprobt werden mit allen Beteiligten und Karfreitag ist ein stinknormaler Arbeitstag hier.

Stattdessen las ich mit den Kindern die Passionsgeschichte nach Johannes. Mittendrin stellte Toni fest: „Also sind die Juden die Boesen, weil sie Jesus kreuzigen wollten?“ Naja, wir hatten dann ein laengeres Gespraech ueber Macht und Religion und Boese und Gut. Aber es bewies mal wieder, wie wichtig es ist, nicht einfach nur die Bibel zu lesen, sondern auch Theologie zu treiben und Texte mit historischem Bewusstsein zu lesen. In jedem Alter. Danach fuhren wir an den Strand.

Als ich Ostersamstag meine Osterpredigt schrieb, war ich noch immer in Karfreitagstimmung. Ich hatte das Gefuehl, dass ich dieses Jahr einfach keine Auferstehungsfreude verspueren koennte, so eingeschlossen in unseren Haeusern. Staendig musste ich an den Osterspaziergang denken, an die Menschenmengen, die herausdringen dem hohlen finstern Tor. Und jeder sonnst sich so gern und feiert die Auferstehung des Herrn.
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus Strassen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Und wir, wir sitzen in unseren Haeusern und Gaerten und meiden Menschen. Das soll Ostern sein? Wenigstens scheint meistens die Sonne, danke, Kalifornien!

Und dann war Ostersonntag und ich wachte von allein um 7 Uhr auf. Obwohl ich erst 1 Uhr ins Bett gegangen war. Das ist mir seit Ewigkeiten nicht passiert und schon garn nicht, seit die Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Ich erwachte und fuehlte mich von Kopf bis Fuss auf Ostern eingestellt. (Ausserdem fiel mir ein, dass „die Zahnfee“ Theo sein Buch nicht ins Bett gelegt hatte fuer den 2. Milchzahn. Also huschte ich auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer, tauschte Zahn gegen Buch und war hellwach.)

Mein erster Gedanke: Der Herr ist auferstanden. Ich holte mir Kreide von Toni und lief vors Haus. Dort schrieb ich in bunten Buchstaben auf den Fussweg: Christ is risen! Wieder in der Kueche, steckte ich die Osternesthefezoepfe in den Ofen und kochte Kaffee und weiche Fruehstueckseier. Ja, es war Ostern. Und da ja gerade alles online laeuft, konnte ich mir Tines Ostergottesdienst aus Heilbronn anhoeren und aus vollem Herzen mitsingen mit Theo auf dem Schoss. Schoener haette ich es mir in dem Moment nicht vorstellen koennen.

Die Osterfreude kam unangekuendigt. Ich musste nichts dafuer tun. Sie war einfach da. Wie es eben mit der Gnade Gottes so ist. Das predige ich staendig. Aber als ich so hautnah erlebte, ueberraschte es mich doch. Dass Christus nicht auferstanden ist, weil wir mit unseren Ostervorbereitungen fertig sind. Sondern, dass Christus einfach so auferstanden ist entgegen aller Erwartungen.

Fuer den Gottesdienst probten wir einen kleinen Sprechchor.

Ich: Christ is risen.

Toni: He is risen indeed.

Theo: Halleluja!

Die Kinder bruellten es wie einen Befreiungsschrei! Also wie es gemeint ist. Denn: Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

5 Wochen Ausnahmezustand – und kein Ende in Sicht

Seit 5 Wochen ist unsere Wohnung unser Ein und Alles: Zuhause, Schule, Spielplatz, Buero, Kirchenraum, Studio.

Die Kinder sind dazu uebergegangen, die Wohnung in Etappen zu bewohnen. Eine Nacht haben sie versucht, im Badezimmer zu zelten. Aber das war ihnen dann doch zu ungemuetlich. Gleich schlafen wir drei die 2. Nacht im Wohnzimmer. Theo und ich auf der Couch, waehrend Toni in ihrem Zeltschloss mit Kartonanbau liegt. Sehr gemuetlich, wie sie findet.

Und nein, das ist nicht Ergebnis einer Familienkrise. Es ist der Versuch von Philipp und mir, in Schichten zu arbeiten und zu schlafen. Ein neuer Plan, um irgendwie unserer Arbeit und den Kindern gerecht zu werden.

Die Idee: Philipp arbeitet von 5 bis 10 Uhr morgens (relativ ungestoert, da die Kinder eh erst gegen 8.30 aufwachen). Dann arbeite ich von 10-15 Uhr, dann wieder Philipp von 15-18 Uhr. Und ich schreibe nachts (zu meiner Denkhochzeit) bis Mitternacht noch Andachten und so. Theoretisch klingt es super, praktisch sehen wir uns nur noch zum Abendessen zu 4. Mal sehen, wie es laeuft.

Das Projekt Homeschooling haben wir faktisch abgebrochen. Jetzt machen wir „unschooling“ (das Modell gibt’s wirklich!). Die Kinder spielen einfach den ganzen Tag und lassen uns wissen, wenn sie was lernen wollen. Kommt bisher eher selten vor. Zum Glueck liest Toni eh gern und viel und Theo hat den Ehrgeiz, Level D beim Lesen zu erreichen. Und das war’s dann auch schon. Logisch denken subsummiere ich unter Gesellschaftsspielen. Toni schreibt immer mal was. Philipp erklaert ihnen ab und an was Mathematisches. Ansonsten schnippeln sie mit mir Salat, helfen mehr im Haushalt (ok, von Null ist eine Steigerung auch leicht),

Warum haben wir aufgegeben? Einfach, weil der Stress enorm war. Die Kinder haben sich ziemlich eingeigelt in den letzten Wochen. Sie wollen nicht mehr mit ihren Freunden telefonieren, nicht mehr an Gymnastik oder Yoga per Zoom teilnehmen. Ich habe das Gefuehl, dass sie alles vermeiden, um daran erinnert zu werden, was ihnen fehlt. Deshalb tun sie einfach so, als ob es ausser uns 4 niemanden gebe. Ausnahmen sind Menschen in Deutschland. Die sehen wir ja eh nur virtuell, da hat sich nichts geaendert.

Sie reagieren aehnlich wie damals, als wir hier angekommen sind. Sind sehr anhaenglich und kuschelig.

Trotz allem habe ich das Gefuehl, dass beide fuers Leben lernen (jedenfalls rationalisiere ich auf diese Weise unser Versagen). Sie sind herrlich fantasievoll im Spielen, klettern stundenlang auf ihren 2 Baeumen in unserem Garten herum. Sie beschweren sich zwar immer noch ueber Langeweile von Zeit zu Zeit, aber es wird merklich weniger. Toni „spaziert“ auf dem Zaum umher und gelangt auf die Weise zu Nachbargaerten. Dort unterhaelt sie sich dann froehlich mit Nachbarn oder bellt mit deren Hunden um die Wette. Manchmal laeuft sie einfach eine Runde um den Block auf der Suche nach Gespraechspartnern und findet eigentlich immer jemanden, der aus 2m Entfernung mit ihr plauscht.

Das Anstrengenste ist wirklich, dass kein Ende in Sicht ist. Vielleicht koennen die Kinder Enge August wieder in die Schule? Waere schoen, sind aber auch noch 5 Monate bis dahin. Vielleicht duerfen wir dann auch wieder Gottesdienste in unseren Kirchen feiern? Waere schoen. Ja, diese Extremsituation schweisst zusammen. Aber wenn mir nochmal irgendwer vorschwaermt, wie gut das uns als Familie jetzt tun muss, dann kann ich fuer nichts garantieren. Wir lieben uns, keine Frage. Aber 24/7 aufeinander zu hocken ist ne Zumutung! Muss man nicht romantisieren.

Was fuer ein riesengrosser Mist

Heute muss ich klagen. Aus tiefstem Herzen.

Obwohl draussen die Sonne scheint und wir unser Mittagessen zu viert im Garten einnehmen koennen.

Obwohl Philipp und ich beide weiter arbeiten duerfen und uns deshalb keine finanziellen Sorgen machen muessen.

Obwohl wir beide flexibel von Zuhause arbeiten koennen.

Obwohl meine Gemeinde ganz fantastisch ist und kreativ mit der Krisensituation umgeht.

Obwohl wir 3 Computer haben, sodass die Kinder ueber einen mit ihrer Lehrerin oder Freunden sprechen koennen, Hoerbuecher hoeren oder Lernvideos schauen.

Obwohl wir ausschlafen und in unserem Rythmus leben.

Obwohl wir 4 uns haben.

Obwohl bisher keine Freunde oder Verwandte infiziert sind (meines Wissens).

Obwohl Millionen andere Eltern in derselben Situation leben. Und viele unter viel schlechteren Umstaenden.

Obwohl es so vielen Menschen viel, viel schlechter geht.

ES IST ANSTRENGEND. Saumaessig anstrengend. So anstrengend, dass ich nicht an ueberuebermorgen denken darf, sonst bekomm ich Panik. Die Nachricht, dass hier die Schulen dieses Schuljahr nicht mehr oeffnen und wir also bis Ende August eventuell keine Kinderbetreuung haben, mindestens jedoch bis Mitte Juni, loeste bei mir zeitversetzt einen Heulkrampf aus. Es war das erste Mal seit Beginn der Ausgehbeschraenkungen vor 2,5 Wochen, dass ich geweint habe. Warum?

  1. Aus Selbstmitleid: Weil ich meinen Alltag verloren habe, mein Leben, das ich mir hier in Berkeley aufgebaut habe. Natuerlich kann man telefonieren, aber das ist nicht dasselbe. Und ausserdem sind die meisten meiner Freundinnen in aehnlichen Familiensituationen und kaempfen gerade nur ums strategische und emotionale Ueberleben. Da hat niemand mehr Kraft, abends noch zu reden. Meinen Kalender habe ich „angepasst“, sprich alle Veranstaltungen bis Mitte Mai geloescht. Theaterbesuche, Buchclub, Abende mit Freundinnen, Chor, Konzerte. Ja, ich fuehrte hier ein herrliches Leben. Deshalb vermisse ich es jetzt schmerzlich.
  2. Aus Sorge um die Kinder: Diese Erfahrung kann traumatisch sein fuer sie. Sie sind genauso aus ihrem Alltag gerissen. Wir ersetzten ihnen nicht die Lehrer und Freunde. Als wir Theos Freund zum Geburtstag besuchten mit gebuehrend Abstand vor der Haustuer, war es kaum auszuhalten, wie die beiden Jungs zueinander gezogen wurden. Sie wollten sich umarmem und raufen und umarmen und festhalten und wir mussten sie mit Gewalt voneinander fernhalten.
  3. Aus dem Gefuehl, niemandem gerecht zu werden. Wir versuchen, wenigstens unsere Arbeit zu erledigen. Die Kinder sollen leise sein, wenn wir Telefonkonferenzen haben, lernen, wenn wir Zeit haben, allein spielen, damit wir arbeiten koennen. Sie spueren die Anspannung und sind taeglich anhaenglicher. Zum Glueck funktioniert ihr Alarmsystem noch. Unseres muessen wir erst wieder aktivieren. Und uns eingestehen, dass wir nicht alles 100% sein koennen in diesen Monaten: Pastorin, Forscher, Eltern, Eheleute, Lehrer, Freunde.
  4. Aus dem Gefuehl heraus, hier festzusitzen. Die meisten Fluege nach Europa sind gestrichen. Und wer es aus den USA zurueckschafft, kommt dann ja hier nicht wieder rein. Bis die Reisebeschraenkungen fuer Europaeer nicht aufgehoben sind, koennen wir keine Fluege nach Deutschland buchen.

Ja, das sind „Luxusprobleme“. Und sie sind echt und machen mir zu schaffen. Ich klage. Ich trauere um mein altes Leben. Ich will es zurueck haben. Denn das hatte ich mir ausgesucht und aufgebaut. Das hier nicht. Was fuer ein riesengrosser Mist!

Diese verdammte Obdachlosigkeit

Eine Nachricht von der Sozialbeauftragten unserer Schule. Ich oeffne sie und denke, mich trifft der Schlag. Theos Freund und Klassenkamerad Karter ist seit einem Jahr obdachlos und lebt mit seiner Mama in einem Obdachlosenheim. Unfassbar. Nun haben die beiden endlich eine Wohnung bekommen, aber wegen des Virus verzoegern sich Lieferzeiten. Die Moebel sind nicht angekommen. Nun stehen die beiden in wenigen Stunden in einer leeren Wohnung.

Ich kenne Karter und seine Mama. Wir waren bei seiner grossen Halloweenparty, bei der sein Rollstuhl von einer Non-Profit Organisation in ein Raumschiff verwandelt wurde. Vor wenigen Wochen haben wir uns bei einer Geburtstagsfeier getroffen und laenger unterhalten. Danach waren wir auf der Elternparty unserer Schule. Nichts liess mich auch nur vermuten, dass die beiden in echter Not sind.

Karter ist wunderwoll. Ein froehlicher Junge, der lautstark zeigt, was er mag und was nicht. Theo liebt ihn. Er ist im Klassenzimmer der Chef mit dem Kontrollknopf (laut Theo) und liebt Kuscheltiere und Buecher. Und er ist schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen oder kauen oder richtig schlucken.

Also bitte ich auf Facebook und per Mail um Hilfe. Innerhalb von 2 Stunden habe ich Kuechenutensilien, ein Luftbett, Decken und Laken organisiert und abgeholt von Freunden und Nachbarn. Die Kinder stellen aus unseren Vorraeten Essenstueten zusammen. Toni schluckt und protestiert kurz als ich ihre Lieblingskekse in eine Tuete packe. Aber dann versteht sie: Wir geben nur das Beste. Theo flitzt ins Kinderzimmer und holt 2 Kuscheltiere, Knete und eine Kreisel fuer seinen Freund.

19.30 parken wir vor der neuen Wohnung. Karter und seine Mama sind auch gerade angekommen. Alles, was sie haben passt in ein paar Taschen. Eine zweite Mutter von der Schule kommt dazu und gemeinsam tragen wir die notduerftige Einrichtung hoch. Toni und Theo helfen begeistert, schleppen Taschen, halten Tueren auf. Theo kontrolliert das Aufblasen der 2 Luftbetten, Toni raeumt mit mir den Kuehlschrank ein und spricht mit Karter. Der Arme stoehnt vor Schmerzen, er musste den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen und will nur noch liegen.

Endlich ist seine Matratze fertig aufgepustet und bezogen. Seine Mama legt ihn ins Bett, Theo drueckt ihm die Kuscheltiere in den Arm. Und da liegt er wie im Himmel. Selig und ruhig, schaut zur Decke, schaut zum Licht. Und schlaeft ein.

Und mir kommen die Traenen (damals und jetzt beim Schreiben) vor Glueck. Das ist der schoenste Moment meiner Woche.

Im Auto sagt Toni: „Das war gerade wunderschoen, dass wir Karter helfen durften. Das war das Schoenste.“ Und Theo sieht ein, dass ich zwar mein Filmversprechen fuer den Tag gebrochen habe, aber fuer einen sehr guten Zweck. Und, dass man manchmal sogar Versprechen brechen muss, wenn Freunde unsere Hilfe brauchen.

Kurz vor dem Schlafengehen sagt Toni: „Mama, ich will jetzt 3 Sachen werden: Tieraerztin (schon seit Jahren), Kletterin (auch schon lange) und Pastorin (das wollte sie noch nie).“ Da steigen mir schon wieder Traenen in die Augen. Denn sie hat etwas sehr, sehr Wichtiges verstanden ueber meinen Beruf.

Wofuer ich gerade dankbar bin

Schlafen entsprechend meines Biorythmuses. Also von Mitternacht bis 8.00.

Das gemeinsame Fruehstueck-, Mittag- und Abendessen mit meiner Familie.

Die Nachmittage mit meinen Kindern, wenn ich fuer 2-3 Stunden das Telefon abschalte und das Leben geniesse.

Das Arbeiten im Schlafanzug.

Der freie Montag – und wir allen haben frei.

Das Liegen am sonnigen Strand mitten in der Woche.

Die vielen Telefonate mit Gemeindegliedern.

Die Begeisterung, mit der sich meine mittelalte Gemeinde (Altersdurchschnitt 70) auf Zoom-Gottesdienste und online-Treffen einlaesst.

Die Hilfsbereitschaft meiner Gemeinde: Einige Damen naehen Atemmasken fuer oertliche Krankenhaeuser, Menschen rufen einander regelmaessig an. Es wird viel gebetet.

Mit meinen Kindern Neues lernen. Das meiste sogar ohne Internet.

Beobachten, wie die Kinder immer einfallsreicher werden. Theo baut sich taeglich aus anderen Materialien Pistolen und Gewehre… naja, aber kreativ…

Nachbarschaftshilfe: eine Bekannte brachte uns selbstgemachtes Desinfektionsmittel vorbei. Eine Freundin schenkte uns eine Tuete garteneigener Zitronen.

Klopapiersolidaritaet: Als ich mich an der Kasse darueber beklage, nun schon seit 1 Woche kein Klopapier mehr zu finden in Laeden, sagt die Kundin vor mir, sie habe viel zu Hause. Ich werde wuetend und erklaere: „Wegen Leuten wie dir kann ich nun keins mehr kaufen.“ Sie erklaert, sie habe das alles schon vor Wochen gekauft, weil sie eben nur alle 6 Monate welches hole (also so wie ich). Ich entschuldige mich. Daraufhin sie: „Ach, Suesse, ich hab was im Auto. Komm mit, ich geb dir 2 Rollen.“(Also hortet sie doch :)) Und ich hab ein paar Tage mehr Zeit, um endlich welches zu kaufen.

Laengst faellige soziale Massnahmen in Kalifornien wie: Mieterschutz, sofortiges Arbeitslosengeld und Gesundheitsversicherung im Falle des Jobverlustes, die Einquartierung von Obdachlosen in billigen Hotels und der Kauf von Wohnwagen fuer Obdachlose (noch sind die meisten allerdings in ihren Zelten). Fuehlt sich fast so an, als sei Bernie Sanders schon Praesident.

Ein Schuldistrikt, der sich wirklich Gedanken um alle macht: Es gibt weiterhin kostenloses Fruehstueck und Mittagessen fuer Kinder aus armen Familien (40% der Kinder an unserer Schule). Es wurden Laptops organisiert und ausgeteilt an Familien ohne Computerzugang. Internetanbieter bieten armen Familien kostenloses Internet. Eltern spenden fuer einen Notfallfonds fuer andere Eltern. Gymnasiasten bieten kostenlose Kinderbetreuung zu Hause an fuer ausser Haus arbeitende Eltern.

Es gibt hier zwar kein verlaessliches soziales Netz. Aber die Solidaritaet ist gerade immens. Das macht unfassbar viel Mut. Wenn wir doch nur keine Notsituationen braeuchten, um uns daran zu erinnern, wie gut es tut, zu helfen.

3 Wochen Pastorin im Maerz – mehr Veraenderung geht kaum

Mein 3. Sontag in meiner eigene Gemeinde. Bisher jedesmal anders dank fortschreitender Massnahmen zur Eindaemmung des Coronaviruses.

1. Sonntag: “normaler” Gottesdienst mit grossem gemeinsamem Mittagessen im Anschluss.

2. Sonntag: 10 Leute treffen sich, um den Gottesdienst zu gestalten und zu filmen. Alle anderen schauen von zu Hause via Zoom zu.

3. Sonntag: Alle sitzen zu Hause und wir feiern einen Zoom-Gottesdienst (schade, dass hier der Witz “und es hat Zoom gemacht” nicht funktioniert).

So klingt es ganz einfach. Hinter den Kulissen ist das ein riesiger Aufwand und am Ende immer noch nicht so schoen wie “in echt”. Aber immerhinque.

Das Positive zuerst:

1. Die technisch begabten Maenner in unserer Gemeinde haben einen Heidenspass. Was fuer eine Freude, in ihre begeisterten Gesichter zu sehen, wenn alles klappt. Es gibt ein Technik-Support-Team, das “Ersteinwaehler” bei Zoom unterstuetzt und Samstagnachmittag eine Probe anbietet. Es gibt einen Host, der uns alle an- und ausschaltet, einen Chef vom Dienst, der alles im Blick behaelt und dann viele Maenner, die mit ihren Kamera- und Audioeinstellungen herumexperimentieren. Die maennliche Beteiligung am kirchlichen Leben ist mal eben ordentlich angestiegen.

2. Endlich koennen nun auch die ans Bett und an ihre 4 Waende gefesselten Menschen mit uns Gottesdienst feiern. Dass wir ploetzlich alle auf unsere Wohnungen beschraenkt sind, oeffnet unseren Blick fuer die Beduerfnisse all derer, die schon seit Monaten oder Jahren nicht mehr mit uns feiern koennen.

3. Menschen aus aller Welt koennen zusammen Gottesdienst feiern. Sprich, meine Familie schaltet sich aus Rostock und Berlin dazu, Freunde hoeren aus Deutschland und den USA zu. Interessanterweise faellt es mir leichter, amerikanische Freunde zu meinem Onlinegottesdienst einzuladen, also zu einem “echten”. Und fuer die Freunde ist die Hemmschwelle auch niedriger.

4. Ich kann liturgisch herumspielen und vor allem unseren wortgewaltigen Gottesdienst entschlacken und niemand meckert. Ist ja eh alles anders. Ich liebe es. Also gleich mal 1 von 3 Lesungen rausgeschmissen, Gebete gekuerzt, Psalm als Suendenbekenntnis genommen. Fuehle mich wie auf der Spielwiese.

Was fehlt? Der Kontakt. Ist echt komisch in eine Kamera zu predigen und niemand lacht ueber einen Witz oder nickt oder zeigt irgendeine Ruehrung. Es fehlt mir, Menschen zu umarmen und zu segnen und ihnen das Abendmahl auszuteilen. Mir fehlt das liturgische Handeln, weil ich bisher nur meine Laptopkamera nutzen kann und entsprechend statisch agieren muss.

“Viele Pfarrer sitzen in ihren Arbeitszimmern vor ihren Buecherregalen”, sagte mir ein Gemeindeglied. Ich sitze vor einer halbwegs weissen Wand in unserem Wohnzimmer. Ich hab kein Arbeitszimmer und schon gar keine Bibliothek. Die lagert in Hamburg im Keller. Die einzige Bibliothek in unserer Wohnung ist ein uebervolles Regal im Kinderzimmer. Vielleicht setz ich mich davor auf den Teppich beim naechsten Mal. Fuers Pfarrerklischee.

Das Gute: Wir haben ja noch ein paar Wochen, um uns zu verbessern. Fuer naechsten Sonntag wollen wir ein Kreuz basteln fuer die leere Wand. Freunde leihen mir eine Kamera und ein mobiles Mikro. Dann kann ich vielleicht sogar im Garten feiern oder am Strand. Mal sehen!

Immer Sonntags 10.15 kalifornische Zeit per link https://zoom.us/j/5107973724

unsere meeting ID ist 510 797 3724

The Reverend Pastor Tia

Seit Anfang März bin ich Pastorin einer richtig amerikanischen Gemeinde. Yeah! Endlich nicht nur ordiniert, sondern wirklich Chefin! (So wie man halt Chefin ist in einer demokratisch geführten Institution.) Ich arbeite 100%, bekomme 88% Gehalt und 10 Wochen Urlaub im Jahr (statt der hier üblichen 4). Dazu einen neuen Laptop und 4 Wochen Fortbildung. Also ein super Deal für alle Beteiligten.

Meine neue Gemeinde heisst Christ the King und liegt in Fremont. Das ist ca 50km entfernt von Berkeley. Also eine normale Pendelentfernung in der Bay Area. Ich kann S-Bahn fahren (und 50 min arbeiten) oder mich in den Stau stellen für 90 Minuten… Ratet, was ich mache.

Fremont ist eine Stadt, die im Vergleich zu Berkeley mega stereoty amerikanisch ist. Breite, mindestens 4-spurige Strassen durchziehen die Wohngegenden. Eine Fussgängerzone hab ich noch nicht entdeckt. Dafür aber schon mindestens drei Malls. Einkaufszenter, die alle gleich aussehen, sodass man sich auf dem Parkplatz verfährt. Verlaufen wäre schlimmer bei den Entfernungen, aber es läuft ja kaum wer. Jedenfalls nicht weiter als 100m, danach wird das Auto umgeparkt. Dass ich mehr Bahn als Auto fahren würde war für manche Gemeindeglieder eine grössere Herausforderung, als mein Immigrationsstatus.

Ca. 40-60 Leute kommen am Sonntag in den Gottesdienst. 120 Gemeindeglieder sind es offiziell. Für die Bay Area ist das eine mittelgrosse, gesunde Anzahl. Die meisten sind über 65. Aber da 70 das neue 50 ist, sind sie meisten super fit.

Nach meinem 1. Gottesdienst, gab es ein unfassbar leckeres, deutsches Buffet. Mit allem, was das Herz begehrt: Sauerkraut und Rouladen, Kartoffelsalat und Currywurst, selbst gebackene Schwarzwälder Kirschtorte und echtes Münchener Bier. Für die Kinder hatte die Gemeinde Kinderschokolade, Duplos und Hanutas aufgetrieben. Dazu süsse „Pastorinnen“: kleine Lebkuchenmännchen mit weisser Halskrause Hamburger Art. Sieht aus, als ob sich das Männchen, respektive die Pastorin, einen Strick genommen hätte. Aber davon bin ich weit entfernt.

1 Woche Homeschooling

Was ich letzte Woche gelernt habe, als ich Mama und Lehrerin und Pastorin war (und das Homeschooling-Element nicht besonders gut beherrschte im Sinne von mit meinen Kindern an einem Tisch sitzen, sie unterrichten und beaufsichtigen). Zitat Toni: „Mama macht das nicht so gut. Zum Glueck haben wir Papa.“

Meine Kinder haben trotzdem oder vielleicht gerade deshalb viel gelernt in den letzten 7 Tage: Wie man Brownies macht, wie man French Toast aus trockenem, altem Brot zubereitet. Wie man Freunden eine Freude macht, indem man Hoffnungssteine ​​bemalt und vor Türen legt. Wie man mit Langeweile umgeht (heute haben sie beschlossen, eine neue Sprache zu erfinden und sprachen sie 1 Stunde lang). Wie man Teil meines Online Gottesdienstes aus unserem Wohnzimmer ist (Theo zündete die Kerze an, Toni kam kurz herein und brachte alle zum Lächeln). Wie man wirklich auf seine eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer achtet, indem man Abstand hält, selbst wenn es anderen egal ist. Wie man Karten an Leute schreibt, die man vermisst. Wie man sich um einen Freund kümmert, der Geburtstag hatte und nicht mit seinen Freunden feiern konnte, wie man Zoom-Playdates hat …
Sie lernen, dass jeder Stein ein ganzer Spielplatz sein kann und dass 2 Bäume im Minigarten das Paradies sein koennen. Sie lernen einander zu schätzen. Sie lernen (langsam) zu akzeptieren, wenn ihre Eltern beide arbeiten müssen. Wir alle lernen, uns an Zeitpläne zu halten und unsere Versprechen zu halten, wann wir Zeit miteinander verbringen sollen. So viel in einer Woche gelernt

Oh, wir bringen ihnen auch etwas Mathematik und Lesen und Schreiben bei … aber hauptsächlich, indem wir lernen, wie man Geld zählt oder wie man Backzutaten misst.

Die Kinder wählen, was sie gerne lernen würden: Heute drehte sich alles um den Fluch des Pharao. Haben sie vom Drachen Kokosnuss gelernt. Stellt sich heraus, dass er real ist. Weil es in diesen alten Gräbern einen bestimmten Pilz gibt, der Menschen ziemlich schnell tötet. Forscher vermuten, dass die alten Aegypter den extra gezuechtet haven als Alarmanlage. Ich hatte keine Ahnung.

Ist das nun akademisches Homeschooling? Keine Ahnung. Aber es macht Spaß!

Weihnachtsfeier echt amerikanisch

Meine Seelsorgeausbilderin lud unsere Gruppe Anfang Dezember zur Weihnachtsfeier zu sich nach Hause ein. Ein kleines Häuschen in einer typischen Wohngegend. Alles war festlich geschmückt, jeder Winkel dekoriert. Am Plasteweihnachtsbaum hingen gekaufte und selbstgebastelte Dekoelemente der letzten 35 Jahre. Das Propanfeuer loderte, der Hund lag auf der Couch, es war wie im Hallmark-Film.

Jeder von uns hatte ein kleines Geschenk mitgebracht und etwas zu Essen. Keine Party ohne Potluck = jeder bringt was mit. (Amerikaner sind deshalb immer etwas zurückhaltend damit, zu einer Party zuzusagen. Erst müssen sie herausbekommen, wieviel Aufwand das wirklich für sie bedeutet. Der Klassiker hier: Ach, könntet ihr bitte das Dessert mitbringen?)

Mein kulinarischer Beitrag: Kürbis-Pie mit Schlagsahne. Die wollte ich natürlich frisch schlagen. Joanne hatte aber kein Rührgerät. Weil sie nicht kocht. „Ich hab 20 Jahre lang täglich gekocht für meine Kinder, damit ist nur Schluss.“ Was tun?

Ob wir nicht ihre Nachbarn fragen könnten, ob sie uns einen Mixer leihen würden? 6 Augenpaare starrten mich an. Das mache man hier nicht. Wie ich denn auf die Idee käme? Ich erklärte, dass das in Berkeley ganz normal sei, dass ich mir so gut wie alles von Nachbarn ausleihen würde. Die Augen wurden immer grösser. Das sei dann WIRKLICH typisch Berkeley, aber nicht normal in Amerika. Sie kenne ihre Nachbarn nicht einmal. Obwohl sie seit 5 Jahren hier lebe. Bin ich froh, dass ich in Berkeley wohne.

Die Feier war trotzdem nett und das Essen gut. Auch ohne Sahne. Dafür mit heissem Apfelsaft aus echt deutschen Weihnachtsmarktglühweinpötten. Meine Supervisorin war nämlich mal 3 Jahre in Deutschland stationiert und reist seitdem mindestens 1x im Jahr zur Adventszeit nach Deutschland. Weihnachtsstimmung schnuppern und Glühwein trinken.