Was fuer ein riesengrosser Mist

Heute muss ich klagen. Aus tiefstem Herzen.

Obwohl draussen die Sonne scheint und wir unser Mittagessen zu viert im Garten einnehmen koennen.

Obwohl Philipp und ich beide weiter arbeiten duerfen und uns deshalb keine finanziellen Sorgen machen muessen.

Obwohl wir beide flexibel von Zuhause arbeiten koennen.

Obwohl meine Gemeinde ganz fantastisch ist und kreativ mit der Krisensituation umgeht.

Obwohl wir 3 Computer haben, sodass die Kinder ueber einen mit ihrer Lehrerin oder Freunden sprechen koennen, Hoerbuecher hoeren oder Lernvideos schauen.

Obwohl wir ausschlafen und in unserem Rythmus leben.

Obwohl wir 4 uns haben.

Obwohl bisher keine Freunde oder Verwandte infiziert sind (meines Wissens).

Obwohl Millionen andere Eltern in derselben Situation leben. Und viele unter viel schlechteren Umstaenden.

Obwohl es so vielen Menschen viel, viel schlechter geht.

ES IST ANSTRENGEND. Saumaessig anstrengend. So anstrengend, dass ich nicht an ueberuebermorgen denken darf, sonst bekomm ich Panik. Die Nachricht, dass hier die Schulen dieses Schuljahr nicht mehr oeffnen und wir also bis Ende August eventuell keine Kinderbetreuung haben, mindestens jedoch bis Mitte Juni, loeste bei mir zeitversetzt einen Heulkrampf aus. Es war das erste Mal seit Beginn der Ausgehbeschraenkungen vor 2,5 Wochen, dass ich geweint habe. Warum?

  1. Aus Selbstmitleid: Weil ich meinen Alltag verloren habe, mein Leben, das ich mir hier in Berkeley aufgebaut habe. Natuerlich kann man telefonieren, aber das ist nicht dasselbe. Und ausserdem sind die meisten meiner Freundinnen in aehnlichen Familiensituationen und kaempfen gerade nur ums strategische und emotionale Ueberleben. Da hat niemand mehr Kraft, abends noch zu reden. Meinen Kalender habe ich „angepasst“, sprich alle Veranstaltungen bis Mitte Mai geloescht. Theaterbesuche, Buchclub, Abende mit Freundinnen, Chor, Konzerte. Ja, ich fuehrte hier ein herrliches Leben. Deshalb vermisse ich es jetzt schmerzlich.
  2. Aus Sorge um die Kinder: Diese Erfahrung kann traumatisch sein fuer sie. Sie sind genauso aus ihrem Alltag gerissen. Wir ersetzten ihnen nicht die Lehrer und Freunde. Als wir Theos Freund zum Geburtstag besuchten mit gebuehrend Abstand vor der Haustuer, war es kaum auszuhalten, wie die beiden Jungs zueinander gezogen wurden. Sie wollten sich umarmem und raufen und umarmen und festhalten und wir mussten sie mit Gewalt voneinander fernhalten.
  3. Aus dem Gefuehl, niemandem gerecht zu werden. Wir versuchen, wenigstens unsere Arbeit zu erledigen. Die Kinder sollen leise sein, wenn wir Telefonkonferenzen haben, lernen, wenn wir Zeit haben, allein spielen, damit wir arbeiten koennen. Sie spueren die Anspannung und sind taeglich anhaenglicher. Zum Glueck funktioniert ihr Alarmsystem noch. Unseres muessen wir erst wieder aktivieren. Und uns eingestehen, dass wir nicht alles 100% sein koennen in diesen Monaten: Pastorin, Forscher, Eltern, Eheleute, Lehrer, Freunde.
  4. Aus dem Gefuehl heraus, hier festzusitzen. Die meisten Fluege nach Europa sind gestrichen. Und wer es aus den USA zurueckschafft, kommt dann ja hier nicht wieder rein. Bis die Reisebeschraenkungen fuer Europaeer nicht aufgehoben sind, koennen wir keine Fluege nach Deutschland buchen.

Ja, das sind „Luxusprobleme“. Und sie sind echt und machen mir zu schaffen. Ich klage. Ich trauere um mein altes Leben. Ich will es zurueck haben. Denn das hatte ich mir ausgesucht und aufgebaut. Das hier nicht. Was fuer ein riesengrosser Mist!

Diese verdammte Obdachlosigkeit

Eine Nachricht von der Sozialbeauftragten unserer Schule. Ich oeffne sie und denke, mich trifft der Schlag. Theos Freund und Klassenkamerad Karter ist seit einem Jahr obdachlos und lebt mit seiner Mama in einem Obdachlosenheim. Unfassbar. Nun haben die beiden endlich eine Wohnung bekommen, aber wegen des Virus verzoegern sich Lieferzeiten. Die Moebel sind nicht angekommen. Nun stehen die beiden in wenigen Stunden in einer leeren Wohnung.

Ich kenne Karter und seine Mama. Wir waren bei seiner grossen Halloweenparty, bei der sein Rollstuhl von einer Non-Profit Organisation in ein Raumschiff verwandelt wurde. Vor wenigen Wochen haben wir uns bei einer Geburtstagsfeier getroffen und laenger unterhalten. Danach waren wir auf der Elternparty unserer Schule. Nichts liess mich auch nur vermuten, dass die beiden in echter Not sind.

Karter ist wunderwoll. Ein froehlicher Junge, der lautstark zeigt, was er mag und was nicht. Theo liebt ihn. Er ist im Klassenzimmer der Chef mit dem Kontrollknopf (laut Theo) und liebt Kuscheltiere und Buecher. Und er ist schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen oder kauen oder richtig schlucken.

Also bitte ich auf Facebook und per Mail um Hilfe. Innerhalb von 2 Stunden habe ich Kuechenutensilien, ein Luftbett, Decken und Laken organisiert und abgeholt von Freunden und Nachbarn. Die Kinder stellen aus unseren Vorraeten Essenstueten zusammen. Toni schluckt und protestiert kurz als ich ihre Lieblingskekse in eine Tuete packe. Aber dann versteht sie: Wir geben nur das Beste. Theo flitzt ins Kinderzimmer und holt 2 Kuscheltiere, Knete und eine Kreisel fuer seinen Freund.

19.30 parken wir vor der neuen Wohnung. Karter und seine Mama sind auch gerade angekommen. Alles, was sie haben passt in ein paar Taschen. Eine zweite Mutter von der Schule kommt dazu und gemeinsam tragen wir die notduerftige Einrichtung hoch. Toni und Theo helfen begeistert, schleppen Taschen, halten Tueren auf. Theo kontrolliert das Aufblasen der 2 Luftbetten, Toni raeumt mit mir den Kuehlschrank ein und spricht mit Karter. Der Arme stoehnt vor Schmerzen, er musste den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen und will nur noch liegen.

Endlich ist seine Matratze fertig aufgepustet und bezogen. Seine Mama legt ihn ins Bett, Theo drueckt ihm die Kuscheltiere in den Arm. Und da liegt er wie im Himmel. Selig und ruhig, schaut zur Decke, schaut zum Licht. Und schlaeft ein.

Und mir kommen die Traenen (damals und jetzt beim Schreiben) vor Glueck. Das ist der schoenste Moment meiner Woche.

Im Auto sagt Toni: „Das war gerade wunderschoen, dass wir Karter helfen durften. Das war das Schoenste.“ Und Theo sieht ein, dass ich zwar mein Filmversprechen fuer den Tag gebrochen habe, aber fuer einen sehr guten Zweck. Und, dass man manchmal sogar Versprechen brechen muss, wenn Freunde unsere Hilfe brauchen.

Kurz vor dem Schlafengehen sagt Toni: „Mama, ich will jetzt 3 Sachen werden: Tieraerztin (schon seit Jahren), Kletterin (auch schon lange) und Pastorin (das wollte sie noch nie).“ Da steigen mir schon wieder Traenen in die Augen. Denn sie hat etwas sehr, sehr Wichtiges verstanden ueber meinen Beruf.

Wofuer ich gerade dankbar bin

Schlafen entsprechend meines Biorythmuses. Also von Mitternacht bis 8.00.

Das gemeinsame Fruehstueck-, Mittag- und Abendessen mit meiner Familie.

Die Nachmittage mit meinen Kindern, wenn ich fuer 2-3 Stunden das Telefon abschalte und das Leben geniesse.

Das Arbeiten im Schlafanzug.

Der freie Montag – und wir allen haben frei.

Das Liegen am sonnigen Strand mitten in der Woche.

Die vielen Telefonate mit Gemeindegliedern.

Die Begeisterung, mit der sich meine mittelalte Gemeinde (Altersdurchschnitt 70) auf Zoom-Gottesdienste und online-Treffen einlaesst.

Die Hilfsbereitschaft meiner Gemeinde: Einige Damen naehen Atemmasken fuer oertliche Krankenhaeuser, Menschen rufen einander regelmaessig an. Es wird viel gebetet.

Mit meinen Kindern Neues lernen. Das meiste sogar ohne Internet.

Beobachten, wie die Kinder immer einfallsreicher werden. Theo baut sich taeglich aus anderen Materialien Pistolen und Gewehre… naja, aber kreativ…

Nachbarschaftshilfe: eine Bekannte brachte uns selbstgemachtes Desinfektionsmittel vorbei. Eine Freundin schenkte uns eine Tuete garteneigener Zitronen.

Klopapiersolidaritaet: Als ich mich an der Kasse darueber beklage, nun schon seit 1 Woche kein Klopapier mehr zu finden in Laeden, sagt die Kundin vor mir, sie habe viel zu Hause. Ich werde wuetend und erklaere: „Wegen Leuten wie dir kann ich nun keins mehr kaufen.“ Sie erklaert, sie habe das alles schon vor Wochen gekauft, weil sie eben nur alle 6 Monate welches hole (also so wie ich). Ich entschuldige mich. Daraufhin sie: „Ach, Suesse, ich hab was im Auto. Komm mit, ich geb dir 2 Rollen.“(Also hortet sie doch :)) Und ich hab ein paar Tage mehr Zeit, um endlich welches zu kaufen.

Laengst faellige soziale Massnahmen in Kalifornien wie: Mieterschutz, sofortiges Arbeitslosengeld und Gesundheitsversicherung im Falle des Jobverlustes, die Einquartierung von Obdachlosen in billigen Hotels und der Kauf von Wohnwagen fuer Obdachlose (noch sind die meisten allerdings in ihren Zelten). Fuehlt sich fast so an, als sei Bernie Sanders schon Praesident.

Ein Schuldistrikt, der sich wirklich Gedanken um alle macht: Es gibt weiterhin kostenloses Fruehstueck und Mittagessen fuer Kinder aus armen Familien (40% der Kinder an unserer Schule). Es wurden Laptops organisiert und ausgeteilt an Familien ohne Computerzugang. Internetanbieter bieten armen Familien kostenloses Internet. Eltern spenden fuer einen Notfallfonds fuer andere Eltern. Gymnasiasten bieten kostenlose Kinderbetreuung zu Hause an fuer ausser Haus arbeitende Eltern.

Es gibt hier zwar kein verlaessliches soziales Netz. Aber die Solidaritaet ist gerade immens. Das macht unfassbar viel Mut. Wenn wir doch nur keine Notsituationen braeuchten, um uns daran zu erinnern, wie gut es tut, zu helfen.

3 Wochen Pastorin im Maerz – mehr Veraenderung geht kaum

Mein 3. Sontag in meiner eigene Gemeinde. Bisher jedesmal anders dank fortschreitender Massnahmen zur Eindaemmung des Coronaviruses.

1. Sonntag: “normaler” Gottesdienst mit grossem gemeinsamem Mittagessen im Anschluss.

2. Sonntag: 10 Leute treffen sich, um den Gottesdienst zu gestalten und zu filmen. Alle anderen schauen von zu Hause via Zoom zu.

3. Sonntag: Alle sitzen zu Hause und wir feiern einen Zoom-Gottesdienst (schade, dass hier der Witz “und es hat Zoom gemacht” nicht funktioniert).

So klingt es ganz einfach. Hinter den Kulissen ist das ein riesiger Aufwand und am Ende immer noch nicht so schoen wie “in echt”. Aber immerhinque.

Das Positive zuerst:

1. Die technisch begabten Maenner in unserer Gemeinde haben einen Heidenspass. Was fuer eine Freude, in ihre begeisterten Gesichter zu sehen, wenn alles klappt. Es gibt ein Technik-Support-Team, das “Ersteinwaehler” bei Zoom unterstuetzt und Samstagnachmittag eine Probe anbietet. Es gibt einen Host, der uns alle an- und ausschaltet, einen Chef vom Dienst, der alles im Blick behaelt und dann viele Maenner, die mit ihren Kamera- und Audioeinstellungen herumexperimentieren. Die maennliche Beteiligung am kirchlichen Leben ist mal eben ordentlich angestiegen.

2. Endlich koennen nun auch die ans Bett und an ihre 4 Waende gefesselten Menschen mit uns Gottesdienst feiern. Dass wir ploetzlich alle auf unsere Wohnungen beschraenkt sind, oeffnet unseren Blick fuer die Beduerfnisse all derer, die schon seit Monaten oder Jahren nicht mehr mit uns feiern koennen.

3. Menschen aus aller Welt koennen zusammen Gottesdienst feiern. Sprich, meine Familie schaltet sich aus Rostock und Berlin dazu, Freunde hoeren aus Deutschland und den USA zu. Interessanterweise faellt es mir leichter, amerikanische Freunde zu meinem Onlinegottesdienst einzuladen, also zu einem “echten”. Und fuer die Freunde ist die Hemmschwelle auch niedriger.

4. Ich kann liturgisch herumspielen und vor allem unseren wortgewaltigen Gottesdienst entschlacken und niemand meckert. Ist ja eh alles anders. Ich liebe es. Also gleich mal 1 von 3 Lesungen rausgeschmissen, Gebete gekuerzt, Psalm als Suendenbekenntnis genommen. Fuehle mich wie auf der Spielwiese.

Was fehlt? Der Kontakt. Ist echt komisch in eine Kamera zu predigen und niemand lacht ueber einen Witz oder nickt oder zeigt irgendeine Ruehrung. Es fehlt mir, Menschen zu umarmen und zu segnen und ihnen das Abendmahl auszuteilen. Mir fehlt das liturgische Handeln, weil ich bisher nur meine Laptopkamera nutzen kann und entsprechend statisch agieren muss.

“Viele Pfarrer sitzen in ihren Arbeitszimmern vor ihren Buecherregalen”, sagte mir ein Gemeindeglied. Ich sitze vor einer halbwegs weissen Wand in unserem Wohnzimmer. Ich hab kein Arbeitszimmer und schon gar keine Bibliothek. Die lagert in Hamburg im Keller. Die einzige Bibliothek in unserer Wohnung ist ein uebervolles Regal im Kinderzimmer. Vielleicht setz ich mich davor auf den Teppich beim naechsten Mal. Fuers Pfarrerklischee.

Das Gute: Wir haben ja noch ein paar Wochen, um uns zu verbessern. Fuer naechsten Sonntag wollen wir ein Kreuz basteln fuer die leere Wand. Freunde leihen mir eine Kamera und ein mobiles Mikro. Dann kann ich vielleicht sogar im Garten feiern oder am Strand. Mal sehen!

Immer Sonntags 10.15 kalifornische Zeit per link https://zoom.us/j/5107973724

unsere meeting ID ist 510 797 3724

The Reverend Pastor Tia

Seit Anfang März bin ich Pastorin einer richtig amerikanischen Gemeinde. Yeah! Endlich nicht nur ordiniert, sondern wirklich Chefin! (So wie man halt Chefin ist in einer demokratisch geführten Institution.) Ich arbeite 100%, bekomme 88% Gehalt und 10 Wochen Urlaub im Jahr (statt der hier üblichen 4). Dazu einen neuen Laptop und 4 Wochen Fortbildung. Also ein super Deal für alle Beteiligten.

Meine neue Gemeinde heisst Christ the King und liegt in Fremont. Das ist ca 50km entfernt von Berkeley. Also eine normale Pendelentfernung in der Bay Area. Ich kann S-Bahn fahren (und 50 min arbeiten) oder mich in den Stau stellen für 90 Minuten… Ratet, was ich mache.

Fremont ist eine Stadt, die im Vergleich zu Berkeley mega stereoty amerikanisch ist. Breite, mindestens 4-spurige Strassen durchziehen die Wohngegenden. Eine Fussgängerzone hab ich noch nicht entdeckt. Dafür aber schon mindestens drei Malls. Einkaufszenter, die alle gleich aussehen, sodass man sich auf dem Parkplatz verfährt. Verlaufen wäre schlimmer bei den Entfernungen, aber es läuft ja kaum wer. Jedenfalls nicht weiter als 100m, danach wird das Auto umgeparkt. Dass ich mehr Bahn als Auto fahren würde war für manche Gemeindeglieder eine grössere Herausforderung, als mein Immigrationsstatus.

Ca. 40-60 Leute kommen am Sonntag in den Gottesdienst. 120 Gemeindeglieder sind es offiziell. Für die Bay Area ist das eine mittelgrosse, gesunde Anzahl. Die meisten sind über 65. Aber da 70 das neue 50 ist, sind sie meisten super fit.

Nach meinem 1. Gottesdienst, gab es ein unfassbar leckeres, deutsches Buffet. Mit allem, was das Herz begehrt: Sauerkraut und Rouladen, Kartoffelsalat und Currywurst, selbst gebackene Schwarzwälder Kirschtorte und echtes Münchener Bier. Für die Kinder hatte die Gemeinde Kinderschokolade, Duplos und Hanutas aufgetrieben. Dazu süsse „Pastorinnen“: kleine Lebkuchenmännchen mit weisser Halskrause Hamburger Art. Sieht aus, als ob sich das Männchen, respektive die Pastorin, einen Strick genommen hätte. Aber davon bin ich weit entfernt.

1 Woche Homeschooling

Was ich letzte Woche gelernt habe, als ich Mama und Lehrerin und Pastorin war (und das Homeschooling-Element nicht besonders gut beherrschte im Sinne von mit meinen Kindern an einem Tisch sitzen, sie unterrichten und beaufsichtigen). Zitat Toni: „Mama macht das nicht so gut. Zum Glueck haben wir Papa.“

Meine Kinder haben trotzdem oder vielleicht gerade deshalb viel gelernt in den letzten 7 Tage: Wie man Brownies macht, wie man French Toast aus trockenem, altem Brot zubereitet. Wie man Freunden eine Freude macht, indem man Hoffnungssteine ​​bemalt und vor Türen legt. Wie man mit Langeweile umgeht (heute haben sie beschlossen, eine neue Sprache zu erfinden und sprachen sie 1 Stunde lang). Wie man Teil meines Online Gottesdienstes aus unserem Wohnzimmer ist (Theo zündete die Kerze an, Toni kam kurz herein und brachte alle zum Lächeln). Wie man wirklich auf seine eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer achtet, indem man Abstand hält, selbst wenn es anderen egal ist. Wie man Karten an Leute schreibt, die man vermisst. Wie man sich um einen Freund kümmert, der Geburtstag hatte und nicht mit seinen Freunden feiern konnte, wie man Zoom-Playdates hat …
Sie lernen, dass jeder Stein ein ganzer Spielplatz sein kann und dass 2 Bäume im Minigarten das Paradies sein koennen. Sie lernen einander zu schätzen. Sie lernen (langsam) zu akzeptieren, wenn ihre Eltern beide arbeiten müssen. Wir alle lernen, uns an Zeitpläne zu halten und unsere Versprechen zu halten, wann wir Zeit miteinander verbringen sollen. So viel in einer Woche gelernt

Oh, wir bringen ihnen auch etwas Mathematik und Lesen und Schreiben bei … aber hauptsächlich, indem wir lernen, wie man Geld zählt oder wie man Backzutaten misst.

Die Kinder wählen, was sie gerne lernen würden: Heute drehte sich alles um den Fluch des Pharao. Haben sie vom Drachen Kokosnuss gelernt. Stellt sich heraus, dass er real ist. Weil es in diesen alten Gräbern einen bestimmten Pilz gibt, der Menschen ziemlich schnell tötet. Forscher vermuten, dass die alten Aegypter den extra gezuechtet haven als Alarmanlage. Ich hatte keine Ahnung.

Ist das nun akademisches Homeschooling? Keine Ahnung. Aber es macht Spaß!

Weihnachtsfeier echt amerikanisch

Meine Seelsorgeausbilderin lud unsere Gruppe Anfang Dezember zur Weihnachtsfeier zu sich nach Hause ein. Ein kleines Häuschen in einer typischen Wohngegend. Alles war festlich geschmückt, jeder Winkel dekoriert. Am Plasteweihnachtsbaum hingen gekaufte und selbstgebastelte Dekoelemente der letzten 35 Jahre. Das Propanfeuer loderte, der Hund lag auf der Couch, es war wie im Hallmark-Film.

Jeder von uns hatte ein kleines Geschenk mitgebracht und etwas zu Essen. Keine Party ohne Potluck = jeder bringt was mit. (Amerikaner sind deshalb immer etwas zurückhaltend damit, zu einer Party zuzusagen. Erst müssen sie herausbekommen, wieviel Aufwand das wirklich für sie bedeutet. Der Klassiker hier: Ach, könntet ihr bitte das Dessert mitbringen?)

Mein kulinarischer Beitrag: Kürbis-Pie mit Schlagsahne. Die wollte ich natürlich frisch schlagen. Joanne hatte aber kein Rührgerät. Weil sie nicht kocht. „Ich hab 20 Jahre lang täglich gekocht für meine Kinder, damit ist nur Schluss.“ Was tun?

Ob wir nicht ihre Nachbarn fragen könnten, ob sie uns einen Mixer leihen würden? 6 Augenpaare starrten mich an. Das mache man hier nicht. Wie ich denn auf die Idee käme? Ich erklärte, dass das in Berkeley ganz normal sei, dass ich mir so gut wie alles von Nachbarn ausleihen würde. Die Augen wurden immer grösser. Das sei dann WIRKLICH typisch Berkeley, aber nicht normal in Amerika. Sie kenne ihre Nachbarn nicht einmal. Obwohl sie seit 5 Jahren hier lebe. Bin ich froh, dass ich in Berkeley wohne.

Die Feier war trotzdem nett und das Essen gut. Auch ohne Sahne. Dafür mit heissem Apfelsaft aus echt deutschen Weihnachtsmarktglühweinpötten. Meine Supervisorin war nämlich mal 3 Jahre in Deutschland stationiert und reist seitdem mindestens 1x im Jahr zur Adventszeit nach Deutschland. Weihnachtsstimmung schnuppern und Glühwein trinken.

Aschermittwoch – wer trägt sein Kreuz?

„Danke, dass Sie ihre Kinder mitgebracht haben“, begrüsst mich die Dame am Eingang der Kirche und drückt mir das Programmheft in die Hand. In wenigen Minuten beginnt der abendliche Gottesdienst am Aschermittwoch. Mit Lesungen, Predigt, Aschekreuzsegen und Abendmahl. Das volle Programm abends um halb acht ohne Kindergottesdienst. Und die Dame freut sich über Theo und Toni. Erstaunlich.

Wir sind zu Besuch bei einer epsikopalen Gemeinde, zu der auch Freunde von uns gehen. Und sie machen alles richtig, was man sich wünscht. Sie können Liturgie und singen, sie predigen anregend, sie fördern Gemeinschaft und sind sozial engagiert. Und sie mögen Kinder. Nicht nur auf der Website. Sondern in echt.

Im hinteren Teil der Kirche liegen Teppiche und Spielsachen bereit (= Theos Aufenthaltsort). Es gibt eine Kinderbücherbibliothek (Tonis Platz). Während der Predigt gehen die Kinder zum Kindergottesdienst und kehren zum Abendmahl zurück. Ach, es könnte so einfach sein, wenn es einfach überall so wäre. Auf meine Frage an die Lehrerin, wie Theo sich benommen habe, antwortet sie: „Wunderbar. Alle unsere Kinder sind wunderbar.“ Da möchte ich sie spontan umarmen.

Aschermittwoch ist hier in den USA ein ganz normaler Mittwoch. Kein Feiertag. Und trotzdem bieten viele Kirchen bis zu 3 Gottesdienste an. Katholiken, Episcopale, Lutheraner, Methodisten, Reformierte, Presbyterier – alle machen mit. Und die Leute gehen hin.

Die Uhrzeiten sind arbeitsfreundlich und die Kirchen voll. Man hat die Wahl zwischen Gottesdiensten morgens 7.00, mittags, am späten Nachmittag und gegen 19.30. Alle Gottesdienste eint: die Gläubigen bekommen ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Das trägt man dann gut sichtbar bis zum nächsten Duschen.

Und plötzlich werden Christen für wenige Stunden individuell sichtbar, in der S-Bahn und in der Stadt. Toni und Theo liebten ihre Segnung. Als es im Gottesdienst endlich soweit war, rannte Toni förmlich nach vorne. „Ich fühle mich jetzt richtig gesegnet und besonders“, sagte sie. Was für ein wunderbarer Start in die Fastenzeit.

Valentinstag für alle! Teil 2

Insgesamt 10 Menschen lernten wir innerhalb einer knappen Stunde kennen. 4 Frauen und 6 Männer. Ein Mann las gerade einen Roman, neben ihm lag ein Sandwich. Über einen Muffinnachtisch freute er sich trotzdem. Während wir mit ihm redeten, kam ein junger Mann auf uns zu, höchstens Anfang 20, gut gekleidet. „Das ist total toll, was ihr macht. Das wollte ich euch nur sagen. Gott segne euch.“

Ein Mann betete gerade sein Stundengebet mit dem Koran in der Hand. Er unterbrach kurz, ja, er esse Fleisch. „Gott segne Sie“, verabschiedete ich mich. „Gott segne Sie.“, antwortete er. Wir legten ihm sein Essen auf die Bank.

Ein alter Mann hockte auf dem Boden und hielt liebevoll die Hand seiner Partnerin. Sie sass im Rollstuhl mit müdem Gesicht. „Fröhlichen Valentinstag!“, wünschte ich und die beiden lächelten einander überrascht an. „Ist das wirklich heute?“, fragte der Mann. Ich nickte. Beide freuten sich über Brote und Muffin. Äpfel konnten die beiden nicht kauen. Wir kamen ins Gespräch. Er sei aus dem Mittleren Westen. Bevor er obdachlos geworden sein, hätte er sich nicht träumen lassen, wie gleichgültig Menschen sein könnten. „Es ist so wichtig, was Sie machen. Und dass sie ihre Kinder mitnehmen.“ Ich fühlte mich durchschaut. Na klar, das war auch eine Bildungschance für die Kinder. Vielleicht sogar vornehmlich. Jedenfalls hatte ich das geglaubt. Er erzählte, dass er für seine Freundin Schuhe kaufen wollte und sich der Verkäufer in Berkeley weigerte, sie ihm zu geben. „Ich hatte doch Geld!“, sah er mich traurig an. Er erzählte, dass er 8 Monate lang nicht wusste, wo seine Freundin war. Einfach weg sei sie gewesen und niemand habe ihm Auskunft gegeben. „Sie war in einem Heim und ich dachte schon, sie sei tot. Irgendwann kam sie wieder. Nun sind wir wieder zusammen. Gott sei Dank.“

Weiter liefen wir die Strasse hinunter. An zwei Frauen vorbei. Sie sassen mit einem Kaffee in der Hand in einem Hauseingang. Waren sie obdachlos? Ich wusste es nicht und fragte sie vorsichtshalber nicht. Wollte ja niemandem zu nahe treten. Einige Meter weiter mussten wir an der Ampel warten. Da rief die ältere der beiden: „Entschuldigung, verteilen Sie etwas?“ – „Ja, Brote.“ – „Dürften wir auch eins bekommen bitte?“ Wir drehten um und lernten Li und ihre Tochter 18-jährige Tochter Amy kennen. Li ist vor 25 Jahren aus Hongkong gekommen, hat hier gearbeitet, bis sie erst ihren Job verlor und dann vor einigen Wochen die Wohnung. Seitdem haben sie ihr Hab und Gut in 2 Kinderwagen geladen und leben auf der Strasse. Verwandte haben sie keine hier, die helfen würden. Stolz erzählt Li: „Amy will aufs City College gehen, sie hat letztes Jahr Abi gemacht.“ Und Amy lächelt schüchtern und sagt: „Heute wollte ich mich anmelden, aber ich war so fürchterlich müde.“ Ich nicke. Kann mir gar nicht vorstellen, wie man fit sein soll für eine Unibewerbung nach Nächten draussen, die auch hier kalt sind, um die 10 Grad. „Ich bewundere dich, Amy. Du musst unglaublich willensstark sein, in dieser Situation weiterzumachen und studieren zu wollen.“

Auf dem Rückweg laufen wir nochmal durch den Park. 2 Männer schlafen, einer redet mit dem Himmel und starrt in die Luft. Auf einer kleinen Mauer sitzen einige Leute, reden, lachen, hören Musik. Wir gehen auf das Grüppchen zu und bieten ihnen unsere Brote und Muffins an. Ein älterer Mann, Ray, nimmt etwas, betonend, dass er nicht mehr obdachlos sei. Er war es, viele Jahre. Aber seit 10 Jahren habe er eine kleine Wohnung. In den Park komme er, um anderen Mut zu machen. „Ich habe es geschafft, sie können es auch schaffen.“

Sein Kumpel hat noch keine feste Bleibe gefunden. Als er unsere Muffins sieht, strahlt er übers ganze Gesicht. „Oh, das ist mein Lieblingsessen. Darf ich 2 nehmen?“ – „Klar, gerne auch 3 oder 4.“, lache ich. „Danke, aber eigentlich darf ich keinen Zucker essen. Aber wann krieg ich schon mal frisch gebackene Muffins.“ Vorsichtig nimmt er sich die warmen Muffins aus der Dose und legt sie wie einen kleinen Schatz vor sich hin. Und dann erzählt er: Davon, wie fröhlich er als kleiner Junge war. Dass seine Mutter ihm kochen beigebracht hat und wie gern er bei ihr in der Küche stand. Dass er mit seinem Vater auf dem Bau und im Abriss und beim Abschleppdienst gearbeitet hat. Ich sehe ihn förmlich vor mir. Einen kleinen Jungen mit mitreissendem Lächeln. Einen jungen Mann voller Tatendrang. Ein Leben voller Hoffnungen. Was dann passiert ist? Ich weiss es nicht. Aber ich sehe nicht mehr einen anonymen Mann ohne obere Zahnreihe und in Lumpen, der eine Bierflasche in einer Papiertüte versteckt. Sondern einen Nachbarn, dem das Leben übel mitgespielt hat. Während unserer Unterhaltung beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie Theo mit Ray redet.

Bevor wir gehen wollen, holt Ray plötzlich sein Portemonnaie hervor. Er möchte uns was geben fürs essen. Ich wehre ab, nein, das sein ein Valentinsgeschenk. Doch er insistiert. Fischt einen $5-Schein hervor und gibt ihn Theo. „Bitte, nehmt das. Ich hatte Glück. Ich durfte ein Rehabilitationsprogramm absolvieren und habe eine Wohnung bekommen. Jetzt möchte ich zurückgeben.“ Da gebe ich auf und wir nehmen das Geld dankend an. Weil ich das Gefühl habe, dass es nicht richtig wäre, Ray diese Freude zu verwehren. Auf dem Nachhauseweg überlegen wir, was wir mit dem Geld machen können. Wie wir damit mehr Menschen Gutes tun können. „Kinder, ich gebe euch noch $5 dazu, lasst euch was einfallen.“, sage ich. Noch überlegen die beiden. Mal sehen, was passiert.

Am Ende des Vormittags habe ich das Gefühl, die eigentlich Beschenkte zu sein. Die Kinder ekeln sich jetzt nicht mehr vor Obdachlosen. Die Geschichten haben sie berührt und beschäftigen sie weiter. Wir wurden mit Geschichten beschenkt. Wir wurden gesegnet. Mit mehr Segenswünschen als ich jemals in Berkeley gehört habe.

Gott segne unsere obdachlosen Nachbarn. Und gebe uns Augen und Ohren für ihre Leben und Geschichten. Damit wir nicht in ohnmächtiges Wegsehen verfallen. Damit wir in ihnen sehen, was sie sind: liebenswerte Menschen und Nachbarn.

Valentinstag für alle! Teil 1

Ich habe den Valentinstag hier wirklich lieben gelernt. Die Kinder bastelten für alle Klassenkameraden kleine Kärtchen und überlegten, was sie an dem oder derjenigen mögen. Und sie bekamen jeder 20 Karten von ihren Mitschülern, teils wirklich rührende Freundschaftserklärungen mit Liebe gekritzelt und geklebt.

Seit vielen Monaten ist bei uns die bedrückende und allgegenwärtige Obdachlosigkeit Thema. Anfangs waren die Kinder noch erschüttert, wenn sie Menschen auf der Strasse liegen sahen. Nach und nach wandelte sich dies in Ekel und Gleichmut. Ich war erst überrascht, dann traurig und konnte mir nicht erklären, was passiert ist. Zu Hause reden wir nie schlecht über wohnungslose Nachbarn. Die Kinder kennen Leah und Theo, die Familie, die wir unterstützen. Ich gucke niemanden komisch an auf der Strasse (glaub ich jedenfalls). Und trotzdem: Ekel und Gleichmut.

Eine befreundete Psychologin erklärte es mir: „Das ist völlig normal. Die Kinder sehen sich dem Elend ohnmächtig ausgeliefert. Sie halten es nicht aus und haben das Gefühl, nichts tun zu können. Also stumpfen sie ab. Und rationalisieren das Gefühl als Ekel.“ Was tun? Ich solle den Kindern zeigen, dass sie einen Unterschied machen können. „Vielleicht könnt ihr immer was Kleines in der Tasche haben zum Verschenken?“

Soweit sind wir noch nicht. Auch wenn wir schon Ideen gesponnen haben, was nützlich sein könnte. Zahnbürsten und Zahnpasta vielleicht. Oder Süssigkeiten fürs Herze.

Am 14. Februar selbst hatten die Kinder schulfrei. Eine Freundin kam morgens zu uns und das Kinderferientagscamp war komplett. Ideal, um endlich den Wunsch in die Tat umzusetzen. Wir buken Schokomuffins, die Kinder schmierten oberleckere, dick belegte Sandwiche. Dazu packten wir Äpfel und Süssigkeiten ein und gingen 7 Minuten gen Innenstadt. Dort ist ein kleiner Park, Anlaufpunkt für viele Obdachlose und Arme.

Eine kurze Unsicherheit überkam mich. Wie würden die Menschen es aufnehmen, wenn wir ihnen Essen anbieten? Ich wollte ja niemandem zu nahe treten, niemanden beleidigen. Eine Frau sass auf der ersten Bank. Sie schimpfte laut in Richtung einiger Männer. Ihr Oberkörper war halb entblösst.

Ich ging lächelnd auf sie zu: „Fröhlichen Valentinstag wünsche ich ihnen.“

Sie drehte sich zu mir um, lächelte überrascht. „Danke, das ist lieb. Ihnen auch.“

„Die Kinder und ich haben Brote gestrichen und frische Schokomuffins gebacken. Sie sind noch warm. Dürfen wir ihnen welche anbieten? Aber wirklich nur, wenn sie mögen.“, fragte ich vorsichtig.

„Gerne! Sehr gerne. Das ist wunderbar.“ Ich reichte ihr beides. Da fragte Theo schüchtern: „Wir haben auch Äpfel, mögen sie einen?“ Das Strahlen der Frau wurde noch breiter und Theo reichte ihr einen.

Da traute sich auch Toni. „Ich habe kleine Tüten mit Süssigkeiten gefüllt, bitteschön.“ Die Frau guckte die Kinder an, ungläubig fast ob der Freundlichkeit. Dann bedankte sie sich.

„Wie heissen sie?“, fragte ich und sie sagte es mir. „Lisa, ich bin Tia. Es ist mir eine Ehre, sie getroffen zu haben.“ – „Mir auch. Gott segne euch.“, antwortete sie. „Gott segne sie!“, verabschiedeten wir uns. Meine Angst war verflogen. Es war richtig, was wir hier machten.