Was fuer ein riesengrosser Mist

Heute muss ich klagen. Aus tiefstem Herzen.

Obwohl draussen die Sonne scheint und wir unser Mittagessen zu viert im Garten einnehmen koennen.

Obwohl Philipp und ich beide weiter arbeiten duerfen und uns deshalb keine finanziellen Sorgen machen muessen.

Obwohl wir beide flexibel von Zuhause arbeiten koennen.

Obwohl meine Gemeinde ganz fantastisch ist und kreativ mit der Krisensituation umgeht.

Obwohl wir 3 Computer haben, sodass die Kinder ueber einen mit ihrer Lehrerin oder Freunden sprechen koennen, Hoerbuecher hoeren oder Lernvideos schauen.

Obwohl wir ausschlafen und in unserem Rythmus leben.

Obwohl wir 4 uns haben.

Obwohl bisher keine Freunde oder Verwandte infiziert sind (meines Wissens).

Obwohl Millionen andere Eltern in derselben Situation leben. Und viele unter viel schlechteren Umstaenden.

Obwohl es so vielen Menschen viel, viel schlechter geht.

ES IST ANSTRENGEND. Saumaessig anstrengend. So anstrengend, dass ich nicht an ueberuebermorgen denken darf, sonst bekomm ich Panik. Die Nachricht, dass hier die Schulen dieses Schuljahr nicht mehr oeffnen und wir also bis Ende August eventuell keine Kinderbetreuung haben, mindestens jedoch bis Mitte Juni, loeste bei mir zeitversetzt einen Heulkrampf aus. Es war das erste Mal seit Beginn der Ausgehbeschraenkungen vor 2,5 Wochen, dass ich geweint habe. Warum?

  1. Aus Selbstmitleid: Weil ich meinen Alltag verloren habe, mein Leben, das ich mir hier in Berkeley aufgebaut habe. Natuerlich kann man telefonieren, aber das ist nicht dasselbe. Und ausserdem sind die meisten meiner Freundinnen in aehnlichen Familiensituationen und kaempfen gerade nur ums strategische und emotionale Ueberleben. Da hat niemand mehr Kraft, abends noch zu reden. Meinen Kalender habe ich „angepasst“, sprich alle Veranstaltungen bis Mitte Mai geloescht. Theaterbesuche, Buchclub, Abende mit Freundinnen, Chor, Konzerte. Ja, ich fuehrte hier ein herrliches Leben. Deshalb vermisse ich es jetzt schmerzlich.
  2. Aus Sorge um die Kinder: Diese Erfahrung kann traumatisch sein fuer sie. Sie sind genauso aus ihrem Alltag gerissen. Wir ersetzten ihnen nicht die Lehrer und Freunde. Als wir Theos Freund zum Geburtstag besuchten mit gebuehrend Abstand vor der Haustuer, war es kaum auszuhalten, wie die beiden Jungs zueinander gezogen wurden. Sie wollten sich umarmem und raufen und umarmen und festhalten und wir mussten sie mit Gewalt voneinander fernhalten.
  3. Aus dem Gefuehl, niemandem gerecht zu werden. Wir versuchen, wenigstens unsere Arbeit zu erledigen. Die Kinder sollen leise sein, wenn wir Telefonkonferenzen haben, lernen, wenn wir Zeit haben, allein spielen, damit wir arbeiten koennen. Sie spueren die Anspannung und sind taeglich anhaenglicher. Zum Glueck funktioniert ihr Alarmsystem noch. Unseres muessen wir erst wieder aktivieren. Und uns eingestehen, dass wir nicht alles 100% sein koennen in diesen Monaten: Pastorin, Forscher, Eltern, Eheleute, Lehrer, Freunde.
  4. Aus dem Gefuehl heraus, hier festzusitzen. Die meisten Fluege nach Europa sind gestrichen. Und wer es aus den USA zurueckschafft, kommt dann ja hier nicht wieder rein. Bis die Reisebeschraenkungen fuer Europaeer nicht aufgehoben sind, koennen wir keine Fluege nach Deutschland buchen.

Ja, das sind „Luxusprobleme“. Und sie sind echt und machen mir zu schaffen. Ich klage. Ich trauere um mein altes Leben. Ich will es zurueck haben. Denn das hatte ich mir ausgesucht und aufgebaut. Das hier nicht. Was fuer ein riesengrosser Mist!

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