Alcatraz

Die Gefängnisinsel in der Bay von San Francisco ist der Tourimagnet Nr. 1. Tickets sollte man laut Reiseführer mind. 1 Monat vorher buchen. Wir kauften sie einfach einen Tag im Voraus. Dank Wochentag und Nebensaison.

Bei strahlendem Sonnenschein bot die Fährfahrt eine herrliche Aussicht auf Bay und Brücken, Stadt und Inseln. Allein dafür lohnt sich der Ausflug schon. Alcatraz selbst ist eine karge und steinige Insel. Berühmt für die kaum 29 Jahre, in denen es als Hochsicherheitsgefängnis der USA diente bis 1963.

Die schlimmste Strafe war vermutlich schon die Lage. Jeden Tag wurden die Gefangenen beim Ausgang daran erinnert, was sie vermissten: Die Stadt, das Meer, die Freiheit. San Francisco scheint zum Greifen nah. Aufgrund der heftigen Winde und Strömungen ist es jedoch unmöglich, die 2km schwimmend zu überwinden. Ob überhaupt irgendwer seinen Ausbruch überlebt hat, ist bis heute ungewiss.

Ein Audioguide führte uns durch die alten Mauern. Klingt erstmal unspektakulär. Aber es war endlich mal ein Audioguide, der es locker mit einem Kriminalhörspiel aufnehmen könnte. Toni und Theo hörten ihn 2x komplett durch. Beim 2. Mal erzählten sie uns ständig, was sie gerade hörten. So spannend war es. Unsere 5 Stunden auf der Insel verflogen im Nu!

Ein paar Anekdoten: Jeden Abend war es den Gefangenen erlaubt, eine Stunde lang zu musizieren. Jeder in seiner eigenen Zelle natürlich. Alle in einem großen Gebäude. Es muss ein Höllenlärm gewesen sein. Manche spielten tatsächlich Instrumente, aber die meisten klopften mit Löffeln gegen die Gitter oder schlugen Blechtasse und Blechnapf gegeneinander.

Gegen die Langeweile gab es eine riesige Bibliothek. Mancher Gefangene las bis zu 100 Bücher im Jahr. Allerdings waren alle Seiten mit kriminellen, blutigen oder sexuellen Geschichten rausgerissen.

Die Verpflegung war gut. Denn ein voller Bauch rebelliert nicht gern.

Grundsätzlich galt die Unterbringung als modern. Gegen die Gefangenen wurde keine Gewalt angewendet (mal abgesehen von begrenzter Einzelhaft in absoluter Dunkelheit für bis zu 11 Tage). Die viele Zeit in den Einzelzellen galt als Chance, sein Leben für sich zu überdenken und so zu bessern.

Auf der Insel lebten nicht nur die Gefangenen, sondern auch viele Wärter und der Direktor mit seiner Familie. Für die Kinder war es ein kleines Paradies des Freiraums. „Es war wie eine idyllische Kleinstadt mit der einen schlechten Nachbarschaft eben. Da sollten wir nicht hingehen.“

Highlight des Tages und Special Guest war eine Signierstunde mit William Baker, einem ehemaligen Gefangenen von Alcatraz. Er hat ein Buch darüber geschrieben. Laut seinem Lebenslauf landete er nach drei Ausbruchsversuchen aus anderen Gefägnissen mit Anfang 20 in Alcatraz. Die drei Jahre auf der Insel nutzte er und lernte das „Handwerkszeug“ fürs Schecks fälschen. Fortan sahen die nächsten 50 Jahre seines Lebens so aus: Entlassung, Fälschungen, Erwischt, Gefangen, Entlassung, Fälschungen, Erwischt, Gefangen usw. usw. Ein absolut unbelehrbarer Krimineller also. Heute ist er Anfang 80. Sprich, seit ca. 7 Jahren in Freiheit. Und da sitzt er als Ehrengast und signiert sein im Selbstverlag erschienenes Buch. Irgendwie skurril.

Ex-Häftling Baker bei der Signierstunde.

In den USA gibt es inzwischen ein Gesetz, dass Schwerverbrecher ihre Geschichten zwar noch veröffentlichen dürfen. Aber das damit verdiente Geld geht an Hilfsorganisationen. So soll verhindert werden, dank der eigenen Schandtaten reich zu werden. Berühmt werden geht immer noch. Und wenn es nur für einen Tag im Museumsshop von Alcatraz ist.

Einziger Wermutstropfen: Die Geschichte von Alcatraz vor und nach der Gefängniszeit wird kaum beleuchtet. Die Insel war ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Militärbasis samt Fort nach Ende des mexikanisch-amerikanischen Kriegs. (Kalifornien war bis 1848 mexikanisch. Der Goldrausch begann direkt danach. Echtes Pech für Mexiko!) Im amerikanischen Bürgerkrieg wurde San Francisco von Alcatraz aus verteidigt. Später fungierte es als Militärgefängnis. Auch Indianer wurden inhaftiert. Der Grund: Sie weigerten sich, ihre Kinder auf staatliche, christliche Internate zur Umerziehung zu schicken.

„Peace and Freedom Welcome to the home of the Free Indian Land“ und „free Indian land — Indians welcome.“, steht auf dem Turm. Graffiti geschrieben 1969, restauriert 2012.

In Erinnerung daran, aus Wut über die kontinuierlichen Enteignungen und aus Protest gegen den Umgang mit Indianern, besetzten 1969 Studenten die Insel für 2 Jahre. Sie forderten, hier ein Bildungs-, Ökologie und künstlerisches Zentrum aufzubauen. Ergebnis: Präsident Nixon unterzeichnete ein Gesetz, dass Indianern grundsätzlich mehr Rechte zur Selbstverwaltung erlaubt.

Fun-Fact: Alcatraz ist wahrscheinlich der einzige Ort in der Bay-Area, an dem KEINERLEI Essen und Trinken verkauft wird.

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